„Sapere aude“ oder: Der NEOS-Reformmotor fährt die AHS gegen die Wand

Als Gymnasiallehrerin für Latein und Deutsch verfolge ich die Reformvorschläge von Bildungsminister Christoph Wiederkehr natürlich mit großer Aufmerksamkeit. In seinem jüngsten Interview im Ö1-Format „Im Journal zu Gast“ vom 21.02.2026 mit Stefan Kappacher macht er deutlich, dass der metaphorische „Reformmotor“ der NEOS im Bildungsbereich „ordentlich brummt“ (Zitat Wiederkehr). Dabei läuft er allerdings Gefahr, das Gymnasium mit Vollgas gegen die Wand zu fahren.

Wiederkehrs Ziel: Er möchte „Jugendliche in der Oberstufe gut auf das Leben vorbereiten“. Wohlgemerkt scheint ihm da die AHS-Oberstufe ein besonderes Problemfeld bzw. ein Dorn im Auge zu sein, wo SchülerInnen bis jetzt, möchte man es so verstehen, weltfremd unterrichtet wurden. Beispiel dafür ist auffällig oft seine eigene Schulzeit. Er spricht im Ö1-Interview davon, dass die Sprachfächer zugunsten von „Informatik und KI“ sowie „Medien und Demokratie“ nur „sanft reduziert“ werden. Von „sanft“ kann aber bei einer Kürzung von zwölf auf acht Stunden, also einem Drittel, keineswegs die Rede sein. Vielmehr ist diese Aussage ein Hohn gegenüber allen, die qualitätsvollen Unterricht leisten und erwarten. Was Wiederkehr als humanistischen Fortschritt bezeichnet, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als Rückschritt. Als Bildungsminister sollte er eigentlich wissen, dass gerade die Sprachen neben der breiten Allgemeinbildung ein zentrales Merkmal des Gymnasiums darstellen. Österreichs großes Angebot an unterschiedlichen Schultypen bietet SchülerInnen ohnehin viele Möglichkeiten, sich in verschiedenen Richtungen zu bilden und sich nach ihren Stärken zu orientieren. Sprachliche Schwerpunkte dürfen und sollen eine Wahlmöglichkeit in unserem Schulsystem sein. Ganz klar im Vordergrund steht für die NEOS aber eine Ökonomisierung und die damit einhergehende wirtschaftliche Verwertbarkeit von Bildung.

Um dieses Vorhaben zu rechtfertigen, spricht Wiederkehr über eine „extrem intensive Einbindung“ durch Veranstaltungen, Umfragen und auch in der Koalition. Bei einer derartigen NEOS-Parteiveranstaltung, dem „Bildungscafé“, war ich am vergangenen Donnerstag. Wir durften unsere Ideen für ein besseres Schulsystem auf Flip-Charts schreiben, Kritik wurde aber nicht gehört und es gab auch keinen dafür vorgesehenen Raum, um mit dem Bildungsminister persönlich zu sprechen oder Fragen zu stellen. Die „breite Umfrage“ mit 46.000 TeilnehmerInnen, auf die sich Wiederkehr in seiner Argumentation unentwegt stützt, zeugt von einem Trugschluss, denn die Umfrage war nicht repräsentativ gestaltet:  Auch ich hatte sie in meinem E-Mail-Postfach und hätte sie beispielsweise als 14-jähriger Schüler oder sogar mehrmals hintereinander ausfüllen können. Die Fragen waren zudem sehr allgemein und schulformenübergreifend formuliert. Dennoch schließt der Bildungsminister daraus, dass die Mehrheit der Bevölkerung eine Kürzung von Sprachen in der AHS-Oberstufe befürworte. Auch die Lehrergewerkschaft wurde in die Überlegungen nicht mit einbezogen, sondern für ihre Kritik von den NEOS medial diffamiert und als „Blockiererverein“ bezeichnet. Im Ö1-Interview äußert Wiederkehr zudem, dass der DirektorInnenverband seine Reformvorschläge bis jetzt einfach falsch verstanden habe und daher Ablehnung zeige, weil er ihnen dazu noch nichts Schriftliches vorgelegt habe – eine Einbindung aller Beteiligten und konstruktiver Dialog sehen anders aus.

Dennoch möchte Wiederkehr seine Pläne offenbar um jeden Preis durchsetzen, denn „wir müssen unsere Lehrpläne reformieren, sie nicht zu ändern ist keine Option, und drum kann ich auch zusichern, dass es in der Koalition eine Einigung gibt“. Da ist er sich sehr sicher, obwohl die Pressestatements der Koalitionspartner etwas anderes vernehmen lassen. Und er ignoriert nebenbei weiterhin die vielfach kritisierte Tatsache, dass die Lehrpläne der AHS-Oberstufe innerhalb des letzten Jahres bereits einem Überarbeitungsprozess durch ExpertInnen unterzogen wurden, wobei Themen wie KI und Demokratiebildung als Querschnittsthemen in allen Fächern verankert wurden. Diesen Lehrplanentwurf, der einem Qualitätssicherungsprozess unterzogen wurde, lässt er nun ungeschaut in den Papierkorb wandern.

Christoph Wiederkehr spricht also seit der Ankündigung im Jänner trotz massiven Widerstandes mit immer denselben Worten über seine geplanten Änderungen. Er zeigt vollkommene Ignoranz gegenüber kritischen Stimmen und sieht einen Rückzieher nicht als Option. Obwohl er von sich heute im Ö1-Interview sagt „die Kritikfähigkeit ist mir, seitdem ich selbst ein Schüler bin, sehr wichtig“ – von dieser Kritikfähigkeit ist in den letzten Wochen kein Funke zu spüren gewesen. Bleibt er dann nur, um Stefan Kappacher zu zitieren, ein inhaltsloser „Ankündigungsweltmeister“? In diesem Sinne passt auch Wiederkehrs lateinischer Lieblingsspruch, der übrigens nicht von Kant, sondern von Horaz stammt: „Dimidium facti, qui coepit, habet: saper(e) aude, incipe.“ – „Wer begonnen hat, hat damit die Hälfte getan: Wage es, das einzusehen, fange an!“ Diese Weisheit mag zwar stimmen, aber: Wer anfängt, hat eben auch nur die Hälfte getan, und nicht mehr. Gerade im Bildungssystem braucht es aber viele PartnerInnen, ein alleiniger Blindgang mit Vollgas funktioniert nicht. Es wäre daher wünschenswert, wenn Christoph Wiederkehr in einen echten Dialog mit den betroffenen schulischen Stakeholdern eintreten und mit ihnen gemeinsam eine konstruktive Lösung erarbeiten würde.

Alina Assmann (BG und BRG Stockerau)