Offener Brief der Junglehrer:innen

Im Namen aller Junglehrer:innen der Klassischen Sprachen:

Krems und Hollabrunn, am 3. Februar 2026

Offener Brief an den Bildungsminister der Republik Österreich zum „Plan Z“

Sehr geehrter Herr Bundesminister,

als Junglehrer:innen des Unterrichtsfaches Latein möchten wir zu den von Ihnen jüngst angestoßenen Reformplänen Stellung nehmen. Vorab möchten wir festhalten, dass „Künstliche Intelligenz“, „Medien“ und „Demokratie“ zweifellos wichtige Bildungsinhalte darstellen, um die Jugend bestmöglich auf die Anforderungen ihrer Zukunft vorzubereiten.

Dennoch können wir nicht umhin, mit allem Nachdruck darauf hinzuweisen, dass wir es als grundlegend verfehlt erachten, für die Einführung dieser Schwerpunkte erneut ausschließlich das Gymnasium als humanistisch-sprachlich geprägte Schulform heranzuziehen. Von einer Einführung der von Ihnen vorgeschlagenen Unterrichtsfächer in anderen Schulformen vernehmen wir nichts. Es stellt sich daher die Frage, warum hier offenbar mit zweierlei Maß vorgegangen wird. Eine evidenzbasierte Begründung dafür, dass diese neuen Fächer ausschließlich im Gymnasium bzw. Realgymnasium eingeführt werden müssten, und weshalb ausgerechnet nur Latein hier ein Hindernis darstellen und deshalb in seinen Stunden so gravierend beschnitten werden sollte, liegt bisher nicht vor.

Gerade angesichts der Tatsache, dass der Lateinlehrplan in seinen Grundfesten auf die Bildung mündiger junger Menschen ausgerichtet ist, die ihre kulturelle Identität als Österreicher:innen und Europäer:innen reflektiert verstehen, erscheint eine weitere Schwächung dieses Faches nicht nachvollziehbar. Zentrale Kompetenzen wie kritisches Denken, sprachliche Sensibilität sowie ein reflektierter Umgang mit sprachlich-medialen Erzeugnissen werden im Lateinunterricht systematisch und intensiv vermittelt. Dies entspricht auch dem aktuellen Entwurf des neuen Lehrplans, der einen modernen und an der Lebenswelt der Schüler:innen orientierten Lateinunterricht vorsieht.

Latein ist jenes Fach, das sich in den vergangenen Jahrzehnten besonders stark gewandelt hat. Dennoch stellen wir mit Bedauern fest, dass in der öffentlichen Wahrnehmung vielfach noch immer ein veraltetes Bild des Lateinunterrichts vorherrscht. Die hohe Beliebtheit des Faches sowie die große Zahl an Maturant:innen bleiben in der aktuellen Debatte gänzlich unberücksichtigt. Eine Reduktion der Wochenstunden würde daher nicht zu einer Entlastung, sondern vielmehr zu einer zusätzlichen Belastung für die Schüler:innen führen.

Zugleich erwecken Ihre öffentlichen Aussagen den Eindruck, als könnten Inhalte wie Demokratiebildung oder der reflektierte Umgang mit Künstlicher Intelligenz nicht in allen Unterrichtsfächern ausreichend vermittelt werden. Gerade im Lateinunterricht lassen sich jedoch Demokratiekompetenz, kritisches Denken und Urteilsfähigkeit anhand des facettenreichen literarischen Erbes der klassischen Sprachen besonders nachhaltig und fachlich fundiert entwickeln. Wie Frau Dr. Nina Aringer kürzlich in einem Interview betonte, müssen diese Themen konsequent mit fundiertem fachspezifischem Wissen verbunden sein. Eine isolierte Behandlung in einem eigenständigen Unterrichtsfach kann diese notwendige fachliche Einbettung nur schwer leisten. Die von Ihnen geforderten Inhalte werden bereits gezielt im Lektüreunterricht behandelt. Eine derart vertiefende Auseinandersetzung wäre jedoch durch die von Ihnen in Aussicht gestellte Reduktion der Wochenstunden erheblich erschwert oder gar unmöglich.

Darüber hinaus möchten wir Sie, sehr geehrter Herr Bundesminister, insbesondere als Junglehrer:innen auf unsere durch eine drastische Stundenkürzung akut gefährdete berufliche Situation aufmerksam machen. Als Vertragslehrer, die wir meist zwei Unterrichtsfächer studiert haben, sind wir maßgeblich auf eine bestimmte Stundenanzahl im Schularbeitsfach Latein angewiesen, um überhaupt einer Vollbeschäftigung nachgehen zu können. Gleichzeitig fehlen aber weiterhin qualifizierte Lehrkräfte für das Fach Digitale Grundbildung – ein Problem, das durch zwei neue Unterrichtsgegenstände verstärkt wird. Warum also wollen Sie in Zeiten des Lehrermangels auf junge, motivierte Lehrkräfte verzichten, die mit fachlicher Expertise und Engagement unterrichten?

Wir bitten Sie daher im Interesse einer kritisch denkenden und sprachlich-kulturell gebildeten Jugend, deren Ausbildung wir uns ebenso wie Sie verschrieben haben: Überdenken Sie Ihr Vorhaben! Treten Sie mit den unmittelbar Betroffenen in einen offenen Dialog im Sinne gelebter Demokratie, und geben Sie uns als junger, nachrückender Generation von Lateinlehrer:innen die Möglichkeit, unsere fachliche Ausbildung und berufliche Motivation in einem angemessenen Stundenausmaß zum Wohle der Schüler:innen einzubringen.

Hochachtungsvoll,

Simon Waldherr, MEd (PORG Mary Ward Krems/Donau)

Alex Seidl, MEd (BG/BRG Hollabrunn)