Mit Latein nicht am Ende 

A group of friends at a coffee shop

Als Klasse, die kurz vor der Matura steht und sechs bzw. vier sehr lehrreiche Jahre in Latein hinter sich hat, hat uns das Vorhaben des Bildungsministers sehr getroffen. Die Schule in dem Wissen zu verlassen, dass den nachfolgenden Klassen nicht dieselbe Bildung zustehen wird wie uns, hinterlässt bei uns ein mulmiges Gefühl.

Latein ist für uns ohnehin ein Fach, das genau jene Bereiche abdeckt, die der Minister mit einer Reform zu fördern versucht. Fordert er kritisches Denken? Kaum ein anderes Fach bietet die Möglichkeit – nein, fordert es sogar – sich so intensiv mit einem einzelnen Satz zu beschäftigen, ihn zu hinterfragen und von allen Perspektiven zu beleuchten. Fordert er die Vermittlung demokratischer Werte? Kaum ein anderes Fach bietet einen besseren Überblick über die Anfänge der Demokratie und wie sie mit der heutigen verglichen werden kann. Von der Sprachkompetenz und strukturiertem Denkvermögen ganz zu schweigen. Wie oft ist es schon vorgekommen, dass wir im Deutschunterricht, aber auch in anderen Fächern froh waren, bereits ein gewisses Grundverständnis von dem Thema zu haben oder sich Wörter ableiten zu können.

Wir sind uns dessen bewusst, dass das alles altbewährte Argumente für den Lateinunterricht sind, hoffen aber, dass wir ihnen mit unserer Perspektive als Schüler*innen mehr Gewicht verleihen können. Auch wenn nicht jede*r Einzelne von uns aktiv in der späteren Berufslaufbahn Texte am laufenden Band übersetzen muss, hat uns das Fach Latein so viel mehr als das geboten. Nur, weil der Drang nach Fortschritt – zugegebenermaßen gerechtfertigt – immer größer wird, muss das nicht durch einen drastischen Rückschritt passieren. Neues muss nicht immer gleich Altes ersetzen, weil dieses vermeintlich schlechter ist. Auch wenn “ersetzen” in diesem Kontext eine Kürzung der Stunden bedeutet, heißt das, dass es nie möglich sein wird, im Rahmen dieser Stunden ein Niveau an Grammatikkompetenz und Sprachverständnis zu erreichen, das eine wirklich tiefgründige Auseinandersetzung mit verschiedensten Themen, von denen immer für jede*n etwas dabei war, zu erreichen. Genau das ist es aber, was so vielen von uns Freude bereitet hat.

Das bedeutet außerdem auch, dass Latein eventuell nicht mehr maturabel sein wird. Nicht wenige von uns haben sich dazu entschieden, sich aus freien Stücken dazu bereit zu erklären, sich in den letzten Wochen unserer Schulkarriere intensiv mit Latein auseinanderzusetzen, um darin zu maturieren. Dieser Möglichkeit in Zukunft beraubt zu werden, ist fatal. Doch nicht nur das.

Wir als Schüler*innen eines humanistischen Gymnasiums sehen auch die Möglichkeit, weiterhin Altgriechisch, Französisch, Spanisch und Italienisch lernen zu können, durch diese Reform ebenfalls als massiv gefährdet. In Zeiten der Globalisierung wollen wir uns nicht darauf ausruhen, dass die KI alles in Echtzeit übersetzen kann, genauso wenig, wie wir uns darauf ausruhen wollen, dass wir dieser jederzeit Fragen zu Mathematik, Chemie oder Physik stellen können. Das, was wir aus jedem Sprachfach mitnehmen konnten, darf nicht unterschätzt, entwertet oder als ein geringerer Mehrwert als andere Fächer kategorisiert werden.

a person holding a small globe in their hand

Die Lateinstunden waren für uns immer eine Zeit, in der wir verschiedenste Blickwinkel auf das Weltgeschehen bekommen haben, sei es auf eine sprachliche, logische, stilistische, politische oder inhaltliche Art und Weise. Zuguterletzt ist das dank engagierter Lehrpersonen, die allesamt ein sehr anspruchsvolles Studium hinter sich haben, möglich. Diese Qualifikationen derart unter den Tisch fallen zu lassen, ist schlichtweg eine Verkennung wertvoller Kompetenzen. 

Weder wir noch unsere Lehrpersonen sind mit unserem Latein am Ende und wünschen uns sehr, dass das für die folgenden Klassen auch nicht der Fall sein wird.

Schüler*innen der 8B-Klasse (G19 Gymnasiumsstraße, Wien)