Versuch einer Aufklärung.
In der wieder einmal neu entflammten Diskussion um den Bildungswert des Lateinunterrichts verdienen einige leichtfertig oder aus mangelnder Überlegung angebotenen Lösungsansätze aus ihrer Einseitigkeit und Schlichtheit befreit zu werden. Wenn wir nämlich uns und unser Europa nicht auf Grund einer kulturellen Amnesie (Bewusstlosigkeit), die da und dort als neue Mündigkeit und Aufklärung gefeiert wird, völlig verlieren wollen, sollten wir folgenden Bildungszielen nicht weniger, sondern mehr Beachtung schenken:
Klares Bekenntnis zur Vermittlung generellen Wissens, d. h. eines Wissens mit hoher Halbwertszeit, das somit als solide Grundlage für lebenslanges Lernen in verschiedenen Bereichen dienen kann. Dazu gehören z. B. die Fertigkeit, komplexe Strukturen zu analysieren und zu verstehen, Begriffe präzise anzuwenden, ferner die Kunst der eigenständigen Formulierung, korrekter Satzbau und die Fertigkeit, logische Verknüpfungen zu bilden. Untrennbar verbunden ist damit der systematische Aufbau von Reflexions- und Orientierungswissen wie z. B. das Erkennen größerer kultureller Zusammenhänge, die Fähigkeit, erworbenes Wissen in Kontexte einzuordnen und selbständig anzuwenden, die Einsicht in den Werdegang und die geschichtliche Bedingtheit unseres Weltverständnisses und last but not least ein Einblick in die Genese der europäischen Sprachen und des europäischen Denkens (zum Beispiel durch das komplexe und gleichsam unter dem Mikroskop vorgenommene De- und Rekodieren im Prozess des Übersetzens). Erst aus der Kenntnis der eigenen Identität erwächst die mehr denn je notwendige Bereitschaft und Fähigkeit, fremde Kulturen und Werte in ihrer Eigenart zu erkennen, sie zu achten und sich auch auf emotionaler Ebene damit vertraut zu machen.

Wenn man diese Aspekte der Bildung noch für wichtig erachtet, hat der Lateinunterricht und das Gymnasium neben den anderen, primär für die fachliche Ausbildung bestimmten Schultypen eine ganz spezielle und unersetzbare Funktion. Junge Menschen lernen in dieser Schultype mehr als anderswo um ihrer eigenen Formung willen und dürfen somit auch Wissen erwerben, das sie nicht nur (unmittelbar) für ihren Job brauchen. Wir sollen ja in der Tat auch für das Leben lernen. Jobtauglichkeit ist ein ernster Zweck, aber nicht das erste und womöglich einzige Ziel des Lebens. Die Zweckfreiheit des Lehrens und Lernens ist mit aller Kraft zu verteidigen, der neue „wissensgenormte“ Europäer (oder gar Weltenbürger?), dem man als wahre (oder auch Ware) Bildung vorgibt, was er wissen muss, was er nicht zu wissen braucht und schließlich, indem man ihm Wissen vorenthält, was er nicht wissen darf, ist eine antidemokratische Horrorvision!
Mag. Heribert Derndorfer (Lehrbeauftragter an der KU Linz)

