Christoph Wiederkehr hat im STANDARD am Dienstag, 3.2.2026 beteuert, dass die Lateinkürzung für mehr humanitas an den Schulen führe. Er verteidigt seinen raschen Umbau des Fächerkanons mit der Förderung der Kritikfähigkeit der Schüler*innen durch die neuen Fächer, die mehr relevante Skills fördert.
Der Schluss, dass eine humanistische Schule ohne Latein absurd sei, liegt nahe. Jedoch weist das Statement auf ein klares Selbstverständnis neoliberaler Kräfte als moderner Humanismus hin. Dies ist für Traditionalist*innen vielleicht etwas sonderbar, doch darf man nicht vergessen, dass beide Ideologien, Humanismus und Neoliberalismus, Freiheit als oberstes Gebot führen. Humboldt, der Vater der humanistischen Schule, behauptete, dass ein freier Geist durch das Erlernen der Theorie entstünde. Der Mensch soll in freier Muse diese losgelöste Idee einmal im Geist aufnehmen, um ein mündiges Wesen zu werden. Er blieb bei der Benennung dieser Ideen jedoch vage. Es ist im Neoliberalismus nicht anders. Die Freiheit wird am Markt situiert. Die Schule soll helfen, nützliche Skills aufzubauen, die man dann an den Markt bringen kann, um sich somit selbst zu verwirklichen. Dieses Humankapital, namentlich „Soft Skills, Leadership“ etc., besteht oft auch aus vagen Begriffen, doch sie klingen modern. Das Humankapital ist das Ziel einer neoliberalen Bildung und versteht sich als moderner Humanismus, da die Formel lautet: Je mündiger ein Mensch ist, desto mehr Chancen hat er, sich auf dem Markt zu verwirklichen. Dass die Entrepreneurship Education in den letzten Jahren im Schulsystem breit gefördert wurde, bezeugt nur, wie sich der moderne Humanismus an Schulen entwickelt.

Lateinunterricht ist somit schlecht investiertes Humankapital, da es schwer vermarktbar ist. Dass Sprachunterricht notwendig ist, um grundsätzlich kritische Gedanken zu formulieren, ist zu kompliziert. Dieses Argument zählt nicht. Es ist zu lang. „Latein ist alt. KI ist neu.“ Das passt in die Ideologie.
Wieso ist diese ideologische Auseinandersetzung für die Bildungsdebatte relevant? Nun, es ist ein rein ideologischer Kulturkampf, der hier stattfindet. Dafür spricht nicht nur die Verteidigung des Ministers mit dem Begriff des „Humanismus“. Es ist auch die Überschrift „KI statt Latein“. Dass die anderen Sprachen im Gymnasium unter Druck stehen, wird nicht erwähnt. Denn es geht nicht um den Unterricht, sondern um das Image von Latein.
Außerdem ist die Fokussierung auf einen so kleinen Schulzweig wie das Gymnasium, zu dem niemand gezwungen ist (auch nicht zu Lang-Latein, man kann auch andere Sprachen wählen), sehr merkwürdig. So haben die NEOS eine neue Umfrage herausgebracht, die besagt, dass viele Schüler*innen, Lehrer*innen und Eltern meinen, die Schule bereite nicht auf das Arbeitsleben vor. Ein klares Zeichen für fehlinvestiertes Humankapital, nicht? Nur die Frage bleibt, von welchen Schulformen die 46.000 Teilnehmer*innen kommen. Ob darunter auch Leute von einer HTL, HAK, HAS oder gareiner NMS befragt wurden, wird nicht angeführt. Nebenbei gibt es deutlich mehr Realgymnasien als humanistische Gymnasien. Dass dieser Zweig trotz alledem am ehesten angegriffen wird, der eigentlich am wenigsten Auswirkungen auf das allgemeine Schulsystem hat, spricht dafür, dass es Christoph Wiederkehr tatsächlich um einen Kulturkampf geht – ein teurer Kulturkampf wohlgemerkt, wenn er Themen wie Lehrermangel oder Probleme an Brennpunktschulen dafür vernachlässigt.
Konkrete Pläne gibt es soweit keine. Denn wie „Medien und Demokratie“ unterrichtet werden soll bzw. warum man meint, dass die Integration in den Lehrplänen der bestehenden Fächer nicht genügt, ist nicht klar. Genauso wenig wurde darüber informiert, wie KI an den Schulen gelehrt wird. Was ist der Lehrplan und welche KI nutzt man? Die Gratisversionen, auf denen es bestimmt bald Werbung geben wird und die sowieso eine mangelhafte Version für die Arbeit sind, kann man nicht zumuten. Oder hat man plötzlich das Budget für kostenpflichtige Versionen? Man weiß es nicht.
„Kritikfähigkeit stärken“ klingt schön. Doch was ist damit gemeint? Wenn sich Christoph Wiederkehr als Revolutionär des Humanismus sieht, sollte er aufpassen. Denn der Humanismus wurde von Philosophen wie Nietzsche, Althusser, Adorno & Horkheimer kritisiert, da er historisch mit Schlagworten gelebt wurde, was den Menschen mehr verrohte, als dass sie ihn mündig machten. Doch der Minister scheint auf Schlagworten zu setzen als auf konkrete Pläne. Und wenn es um Schlagworte geht, geht es nicht um die Zukunft der Kinder dieses Landes, sondern um einen Kulturkampf für die humankapitalistische Schule.

Simon Linke, MEd (BG/BRG Bruck an der Leitha)

