Kantine am Minoritenplatz zu Wien. Freitagmittag, nur wenig Plätze sind besetzt. Minister und Sekretär sitzen einander gegenüber. Die Teller sind noch fast voll.
MINISTER: Da und dort zwickt´s im Getriebe und wegen der fortwährenden Verhandlungen mit Personalvertretern und Koordinationssitzungen kommt man gar nicht dazu, das zu machen, wozu einen der Souverän auf diesen historischen Platz gestellt hat: die alte, verstaubte Schule in die Zukunft des 21. Jahrtausend zu bringen. Von selbst tut sich da ja leider gar nichts …
SEKRETÄR: Nein, …man kann sich gar nicht mehr vorstellen, wie man all die Papers, Bildungsprogramme, Eröffnungsreden, Diskussionsbeiträge und unzähligen Grundsatzerklärungen noch ohne KI schreiben musste. Zumindest das geht heute von selbst!
MINISTER: Richtig! Von der Idee bis zum fertigen Konzept, alles aus einer Hand. Kommunikations- und Strategieberater brauchst du eigentlich a nimmer. Aber in der Schule lernst das trotzdem noch immer nicht!? (nachdenklich Pommes ins Ketchup tunkend) – weißt du eigentlich, welchen Spitznamen ich im Gymnasium hatte?
SEKRETÄR: Chrisi? Sunny Boy?? Neoteriker? Keine Ahnung, leider …
MINISTER: „Tussi!“. Manchmal auch „Christussi!“. Aber du kommst nie drauf, wie ich zu diesem blöden Nickname gekommen bin! Das war nämlich so: Der Lateinlehrer hat jedes Mal bei Wörtern der u-Deklination gefragt, wie hier der Genitiv laute, dann zu mir geschaut und sich selbst geantwortet: „… auf -us natürlich, sowie reditus, reditus, … -tus/-tus … gell Wiederkehr?“ Und das musste ich mir sechs Jahre lang bis zur Matura geben. Da hab ich dann übrigens mit Sehr gut in Latein maturiert. … Dem habe ich´s richtig gezeigt.
SEKRETÄR: Also „Tussi“ ist wirklich originell. … Bei mir war´s ein Geograph, der mich in der Schule bis aufs Blut sekkiert hat. Und ich war ja eigentlich nicht so ein schlechter Schüler. Dreißig Flüsse in Europa auf einer blinden Karte einzeichnen können: Ich glaub, das hat der jedes Semester einmal schriftlich abgeprüft, der Dillo.
MINISTER: Was hat denn das mit Wissen zu tun, frage ich dich. Aber an diesen Beispielen sieht man exemplarisch gut, was echte Bildung in Zeiten künstlicher Intelligenz sicher nicht mehr braucht: lateinische Grammatik und die Auswendiglernerei bei den sogenannten Nebenfächern.
SEKRETÄR: Richtig! Genau so ist es! Was lernst du denn in Latein spätestens seit Humboldt und seinem neuhumanen Gymnasium? Deklinieren, Konjunktivieren und Übersetzen. Und zum Drüberstreuen a bisserl a Philosophie und Geschichte aus der Antike. „Z´weng wos?“, sogt man da bei uns daham. Fremdsprachen werden überbewertet; durchs Reden kommen die Leut´zusammen!
MINISTER: Richtig, Fremdsprachen sind schon ganz wichtig, aber man kann es ja auch mit den Flüssen übertreiben. Mit Englisch können sich unsere Schüler:innen (setzt die Genderpause zwischen Stamm und Endung bewusst mit einem Augenzwinkern) überall verständlich machen. Und fürs Prompten reicht sowieso ein gepflegtes Deutsch. Sprachförderung Deutsch, Demokratiebildung und Deep Fakes, mit solchen Sachen müssen wir in die Zukunft gehen.
SEKRETÄR: „Medienbildung“ klingt nimmer ganz neu, könnte man aber auch dazu hineinlukrieren …
MINISTER: Ok. Und mit diesen Grundsatzüberlegungen hier am frühen Freitagnachmittag sind wir quasi schon in der Initiativphase für mein Ne-OS-Bildungsskonzept: weniger -tus/-tus; neben der Donau vielleicht noch Salzach und Mur. Aber halt nicht mehr all Inn (lacht selbst laut über diese Pointe). Sprachen ja, aber halt am Computer. Und dank meiner Premium-Edition von ChatGPT – das war jetzt doch im Budget für die ganze Abteilung drinnen – werden wir da bald noch was Konkreteres präsentieren können.
SEKRETÄR (flapsig):Also, moderne Bildung ohne klassischen Geni-Tiefgang. Ha ha, Tussi!
MINISTER: Du! Ich komme dir gleich mit dem Götz-Zitat. Unsere Deutschlehrerin hat nämlich …
(Sekretär hört das aber nicht mehr, weil er noch ein paar Mal “-tus/-tus“ vor sich hersagt. Schallendes Lachen beider)
Mag. Ewald Cerwenka (Europagymnasium Baumgartenberg)

