Ein Parisurteil, ein Kassandraruf und anderes „angestaubtes Zeugs“: Gegen die Diffamierung des Lateinunterrichts

Vor mittlerweile zwei Wochen rollte Bildungsminister Christoph Wiederkehr den Apfel der Zwietracht vor die Füße des österreichischen Bildungssystems, in Gestalt seiner Pläne zur Reform der AHS: Zugunsten von Informatik und KI-Unterricht sowie Medien- und Demokratiebildung wolle er den Lateinunterricht kürzen, denn würden andere Themen wichtiger, müsse man manche Inhalte in der Schule reduzieren, so der Bildungsminister in der ZIB 2 vom 29.1.

Die neuen Unterrichtsfächer sollen nun also den sprichwörtlichen Apfel zugeschanzt bekommen, auf Kosten des Lateinunterrichts. Die Botschaft: Innovation ist wichtiger als Tradition, Zukunft gewinnbringender als Vergangenheit, das Neue mehr wert als das Alte.

So zumindest wird die Entscheidung, die der Bildungsminister als unumgänglich verkaufen möchte, im medialen Diskurs präsentiert. Als scheinbar unüberbrückbare Gegensätze stehen Wiederkehrs Reformpläne dem Lateinunterricht gegenüber, der schon im Voraus durch Begriffe wie „Entrümpelung“ mitsamt der entsprechenden Lehrer:innen bewusst entwertet wurde.

Die über Instagram veröffentlichte Reaktion des Bildungsminister auf die Kritik an den Stundenkürzungen soll wohl beschwichtigen: „KI dazu, Latein bleibt. Sinnvoll gewichtet.“ Dass man bei den geplanten zwei Wochenstunden wahrlich nicht von einer sinnvollen Gewichtung sprechen kann, wenn man einen nachhaltigen Spracherwerb, eine mehr als nur oberflächliche Auseinandersetzung mit den Unterrichtsinhalten anstrebt, wird nicht thematisiert.

Das Statement selbst fügt sich jedenfalls bestens ins Narrativ von Wiederkehrs Bildungspolitik. Sinnvoll gewichten heißt demnach: mehr Neues, weniger Altes. Latein wird bewusst dem Fortschritt gegenübergestellt, die Reformpläne des Bildungsministers werden als die logische Konsequenz zukunftsweisenden Denkens präsentiert. Doch stets bleibt unerwähnt, was inzwischen schon an vielen Stellen betont wurde: Die geplanten Kürzungen betreffen keinesfalls nur Latein. Sie betreffen jede zweite Fremdsprache an der AHS, auch die sogenannten „lebenden“, wo es die totgesagte nicht treffen kann. Dieser Fakt wird aus Kalkül verschwiegen. Noch immer ist es allein der Lateinunterricht, der als Gegenbild zu den Reformplänen herhalten muss. Logisch, immerhin wäre „Weniger Sprachen, mehr Zukunft“ wohl kaum ein ernstzunehmender Slogan, um sich als Bildungsvisionär feiern zu lassen, oder?

Es zeigt sich: Der Lateinunterricht ist für die Neos vor allem ein Vehikel für manipulative Reformpropaganda. Wenn man aber über diese hinausdenkt, entpuppt sich die vermeintliche Antithese zwischen alt und neu als populistische Marketingstrategie ohne echten Gehalt. Denn dass eine derartige Entscheidung überhaupt getroffen werden müsse, ist auch nicht mehr als ein Versuch, falsche Vorstellungen von veraltetem, elitärem Grammatik-Drill gegen den tatsächlich stattfindenden, modernen Lateinunterricht auszuspielen. Wie dieser an Österreichs Schulen tatsächlich aussieht und welche Relevanz er gerade in der heutigen Zeit hat, zeigten in den vergangenen Wochen unzählige Beiträge von Schüler:innen, Student:innen, Lehrer:innen und Universitätsdozent:innen, also von jenen Menschen, die tagtäglich mit Latein zu tun haben. Wie oft hat man von der Vielfalt der Themen des Lateinunterrichts gesprochen, die durch die Gegenüberstellung von Vergangenheit und Gegenwart einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung kritischen Denkens leisten? Wie oft war von den zahlreichen Methoden zu lesen, derer sich moderner Lateinunterricht mittlerweile bedient, und zu denen längst auch digitale Medien gehören? Wie oft war schließlich von der Paradedisziplin des Lateinunterrichts, dem Übersetzen, die Rede, das für die Zukunft der Schüler:innen unerlässliche Kompetenzen wie das Sprachbewusstsein, das vernetzte Denken und die Entwicklung von Problemlösestrategien fördert?

Doch all das stößt auf taube Ohren, bleibt ein Kassandraruf einer Gruppierung, der man die Teilnahme am Diskurs über moderne Entwicklungen, so scheint es, absprechen möchte. Nicht mehr als „angestaubtes Zeugs“ ist der Lateinunterricht für Indra Collini, die in ihrem Facebook-Posting vom 7.2. deutlich ausspricht, was sich sonst hinter oberflächlichen Beschwichtigungsversuchen verbirgt, und damit die unreflektierte Grundhaltung hinter den Reformplänen offenbart. Es liegt auf der Hand: In Wahrheit geht es in dieser Debatte nicht um Unterrichtsinhalte. Es geht um künstliche Gegensätze, um vielversprechende Schlagwörter, um das richtige Image. 2000 Jahre Sprache, Kultur und Geschichte? Nicht mehr als ein Bauernopfer für die Politik der selbsternannten „Bildungspartei“.

Verteidigt man sich dann als Lateinlehrer:in gegen die Angriffe auf jenes Fach, für das man die nächste Generation tagtäglich zu begeistern versucht, folgen neue Vorwürfe: Man lasse keine Reformen zu. Man sei für Neues nicht offen. Dem ist keineswegs so. Wir Lateinlehrer:innen sind nicht die zukunftsblinden, antiquierten Relikte eines überholten Schulsystems, als die wir gerne präsentiert werden. Wir sind für Änderungen offen, sind wissbegierig, möchten uns weiterentwickeln und haben das Ziel, die Inhalte unseres Faches, die uns – auch dafür müssen wir uns weder schämen noch rechtfertigen – am Herzen liegen, bestmöglich zu vermitteln, auch unter Einsatz von modernen Technologien. Wogegen wir uns verteidigen müssen, ist nicht der Fortschritt, es ist der Versuch, uns als dessen Feinde zu verleumden, um die Kürzung unserer Unterrichtsinhalte (und mit ihnen stillschweigend die der modernen Sprachen), die im Voraus weder angekündigt noch diskutiert wurde, zu rechtfertigen.

Dabei sind Zukunft und Vergangenheit in Wahrheit keine Gegensätze. Sie sind eng miteinander verbunden und erzeugen durch den Vergleich, wie er im Lateinunterricht regelmäßig stattfindet, Synergieeffekte, von denen gerade die Demokratiebildung profitieren kann. Dass es sinnvoll ist, sowohl dieser als auch der Medienbildung mehr Raum im Unterricht zu geben, soll freilich nicht angezweifelt werden. Gerade auch deshalb, weil Demokratie und digitale Medien heute mehr denn je miteinander verbunden sind und die Kompetenz, im Internet verbreitete Inhalte kritisch hinterfragen zu können, unabdingbar machen. Völlig richtig merkt Herr Wiederkehr in seinem am 3.2. im Standard veröffentlichten Gastkommentar an, der Kampf um die Wahrheit finde heute im digitalen Raum statt. Das beste Beispiel dafür liefern die Neos selbst: Ihre Umfrage zur AHS-Reform, in der sich 93 % der Teilnehmer:innen (Stand 1.2., 18:00 Uhr) gegen die geplanten Neuerungen aussprechen, verschwindet spurlos von der eigenen Website.

So wichtig aber die Beschäftigung mit Demokratie, mit Medien und KI auch ist, sie kann nicht isoliert stattfinden. Sie lebt davon, in unterschiedliche Kontexte eingebunden und vor dem Hintergrund verschiedener Themenbereiche durchleuchtet zu werden. Nur so wird vernetztes Denken gefördert, nur so können die grundsätzlich lobenswerten Ziele des Bildungsministers zu nachhaltigem Kompetenzerwerb führen. Warum also sollen Fächer beschnitten werden, um neue einzuführen? Warum verschiedene Bildungsinhalte gegeneinander ausspielen, wenn sich die neuen doch problemlos in die bestehenden integrieren ließen, teilweise längst ein wichtiger Teil dieser sind? Und warum sollen die Reformen überhaupt nur die AHS betreffen, wo sie doch für alle anderen Schulformen ebenso wichtig wären?

Abschließend möchte ich auf den eingangs angesprochenen Mythos zurückkommen: Fragen Sie, Herr Minister, doch einmal eine Gruppe von Schüler:innen, wie der Streit um Discordias Apfel hätte gelöst werden können. Mindestens einmal werden Sie hören: Hätte man den Apfel nicht teilen können? Hätte man den Göttinnen nicht zugestehen können, gleichermaßen schön zu sein? Hätte man schließlich keine sinnvollere Lösung finden können, als den Apfel einfach derjenigen zu schenken, die – ohne Rücksicht auf Verluste – die großartigsten Versprechungen macht?

Hätte man, Herr Minister?

Tobias Benkovits, BEd (Gymnasium Neusiedl am See)