Die Kürzung der Lateinstunden – ein Angriff auf das Gymnasium und ein Triumph der Kurzsichtigkeit

Die geplante Reduktion der Lateinstunden in der AHS-Oberstufe ab 2027/28 ist kein technischer Eingriff in einen Lehrplan. Sie ist ein politisches Statement, und zwar eines, das tief in das Selbstverständnis des österreichischen Gymnasiums einschneidet. Offiziell soll Platz für neue Fächer geschaffen werden. In Wahrheit wird ein jahrhundertealtes Bildungsfundament zugunsten eines populistischen Narrativs geopfert.

blue and yellow star flag

Latein ist in Österreich ein Kultur- und Bildungsfach, das weit über Vokabeln und Grammatik hinausreicht. Es ist die Sprache, in der Europa denken gelernt hat. Es ist die Grundlage der romanischen Sprachen und das präziseste Instrument, um die Struktur des Deutschen zu verstehen; man kann sagen, Latein ist das grammatikalische Röntgenbild des Deutschen. Wer Latein kürzt, kürzt nicht ein Fach: Er kürzt die Fähigkeit, Sprache, Politik und Geschichte zu durchdringen.

Wer Latein lernt, trainiert nicht nur sprachliche Präzision, sondern auch analytisches Denken, historisches Bewusstsein und die Fähigkeit, komplexe Texte zu verstehen und kritisch zu hinterfragen. Gerade diese Kompetenzen sind in einer Zeit, in der politische Kommunikation immer stärker von rhetorischen Strategien, emotionalisierenden Botschaften und manipulativen Techniken geprägt ist, unverzichtbar.

Dass Schülerinnen und Schüler diese Fähigkeiten im Lateinunterricht erwerben, zeigt sich gerade jetzt. Wenn Jugendliche erkennen, dass politische Entscheidungen und deren öffentliche Darstellung in das Modul „Rhetorik, Propaganda, Manipulation“ passen, dann beweist das, wie wirksam dieses Fach zur demokratischen Bildung beiträgt. Latein ist anspruchsvoll, aber genau das macht es wertvoll. Menschen wollen gefordert und gefördert werden, und das Gymnasium hat den Auftrag, intellektuelle Tiefe zu ermöglichen – nicht, sie zu reduzieren.

Der Kulturjournalist Heinz Sichrovsky hat diese Zusammenhänge seit geraumer Zeit mit einer Klarheit beschrieben, die in der aktuellen Debatte fast schmerzhaft prophetisch wirkt. Für ihn sind die klassischen Sprachen kein nostalgisches Hobby, sondern das intellektuelle Rückgrat einer Gesellschaft, die sich ihrer eigenen Herkunft bewusst bleiben will. Sichrovsky betont, dass die Auseinandersetzung mit lateinischen Texten Denkprozesse schärft, die keine Kompetenzorientierung der Welt künstlich erzeugen kann. Seine Warnung ist eindeutig: Eine Gesellschaft, die die klassischen Sprachen aufgibt, verliert die Tiefenschärfe – und damit ihre Fähigkeit, sich selbst zu verstehen.

Besonders irritierend ist die politische Kurzsichtigkeit, die sich in dem aktuellen Vorhaben zeigt. Das Drehen an Lehrplänen ist noch lange keine Reform. Das haben schon viele getan. Geändert hat sich dadurch nichts, weil die strukturellen Fragen nicht angegangen werden. Es ist ein Aktionismus, der Aktivität simuliert, aber keine Probleme löst. Die entscheidenden Fragen werden nicht am Minoritenplatz beantwortet, sondern in den Ländern – und genau das zeigt sich auch hier. Statt die föderalen Blockaden, die Ressourcenverteilung oder die strukturellen Ungleichheiten im Bildungssystem anzupacken, wird an einem Fach geschraubt, das sich politisch leicht instrumentalisieren lässt.

Die angedachten neuen Inhalte und Fächer – Informatik, KI, Medienbildung, Demokratie – sind zweifellos wichtig. Aber sie werden (zumindest nach derzeitigem Stand) ausschließlich in der Oberstufe verankert, obwohl gerade die Sekundarstufe I jene Altersgruppe umfasst, die am dringendsten demokratie- und medienpädagogische Bildung benötigt. Mittelschülerinnen und Mittelschüler sind täglich mit digitalen Räumen, sozialen Medien und manipulativen, oft auch radikalisierenden Kommunikationsformen konfrontiert. Sie brauchen Orientierung, Reflexionsfähigkeit und kritisches Denken, und zwar früh, nicht erst mit 15 oder 16 Jahren. Dasselbe gilt für die berufsbildenden mittleren und höheren Schulen und Berufsschulen, die die Mehrheit der österreichischen Jugendlichen ausbilden und in denen Medien- und Demokratiebildung mehr denn je essenziell wäre.

Die AHS ist im Vergleich zu diesen Schulformen die kleinste Gruppe, aber in der öffentlichen Wahrnehmung die bekannteste. Genau deshalb eignet sie sich besonders gut für symbolpolitische Eingriffe. Es wirkt, als würde hier ein populistisches Narrativ bedient: Latein gilt manchen als vermeintlich elitär, als Sprache des Klerus, als Relikt einer vergangenen Bildungswelt. Dass ausgerechnet ein liberaler Bildungsminister nun vollzieht, was selbst sozialistischen und sozialdemokratischen Ministern wie Firnberg und Scholten nicht gelungen ist, ist eine historische Ironie, die vielen nicht entgeht.

In der öffentlichen Debatte wird Latein derzeit als Hauptbetroffene dargestellt. Doch das ist eine bewusste Verkürzung – und sie wird von Teilen des Boulevards mit einer geradezu triumphalen Häme begleitet. Dort wird von „Entrümpelung“ gesprochen, als wäre Latein ein Stück Sperrmüll, das man endlich auf die Halde werfen könne. Diese Wortwahl ist nicht nur despektierlich, sie ist vor allem falsch. Denn Latein ist kein überholtes Möbelstück, das im Weg steht, sondern ein Fundament, auf dem ein erheblicher Teil unserer sprachlichen, kulturellen und politischen Identität ruht. Wer Latein als Gerümpel bezeichnet, zeigt weniger Modernität als Unkenntnis – und verwechselt intellektuelle Tiefe mit Ballast, den man loswerden müsse.

Die Reform betrifft zudem nicht nur Latein. Sie trifft ebenso lebende Fremdsprachen und all jene Schulen, die aufgrund schulautonomer Schwerpunktsetzungen bereits gekürzt haben. Dort können die Einsparungen sogar schulautonome Fächer treffen – und genau diese Fächer sind es, die das pädagogische Profil einer Schule prägen. Wenn diese Strukturen zerstört werden, verliert das Gymnasium seine Vielfalt, seine Identität und seine Qualität.

Die Einführung neuer Fächer wird häufig als Argument für die Kürzungen herangezogen. Doch diese nun explizit genannten Inhalte sind bereits jetzt als übergreifende Themen in allen Fächern vorgesehen. Lehrkräfte sind verpflichtet, sie in ihren Unterricht zu integrieren, und sie tun das auch. Medienbildung entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern im Umgang mit Sprache, Texten, Quellen und historischen Zusammenhängen. Genau hier hat Latein seine Stärke. Wer glaubt, man könne Medienbildung isoliert vermitteln, ohne sprachliche und analytische Grundlagen zu schaffen, verkennt die Funktionsweise von Bildung.

Für mich ist diese Diskussion besonders schmerzhaft, denn die Lehrkräfte an meiner Schule arbeiten mit großer Überzeugungskraft, viel Esprit, Engagement und Leidenschaft. Sie wollen, dass ihre Schülerinnen und Schüler das aus dem Lateinunterricht mitnehmen, was sie zu mündigen Demokratinnen und Demokraten macht, die die Werte einer freien Demokratie hochhalten, und zwar auf der Basis sprachlicher Präzision, historischer Urteilsfähigkeit und kritischer Reflexion. Sie verstehen sich beinahe täglich als Brückenbauer zwischen Antike, Mittelalter und Neuzeit – in Architektur, Literatur, Kunst, Geschichte, Politik und demokratischer Bildung. Latein ist kein museales Fach, sondern ein lebendiges Werkzeug, das jungen Menschen hilft, die Welt zu verstehen. Es wird von Schülerinnen und Schülern geschätzt, weil es ihnen eine breite Allgemeinbildung vermittelt und ihnen ermöglicht, Zusammenhänge zu erkennen, die ihnen sonst verborgen blieben. Es ist ein wesentlicher Bestandteil des Profils eines Gymnasiums und trägt zu dessen unverwechselbarem Charakter bei.

A large building with columns and a flag on top of it
Antike Herrschaften vor dem Wiener Parlamentsgebäude

Wenn Latein gekürzt wird, verlieren wir nicht nur Stunden, sondern schmälern auch Fähigkeiten: die Fähigkeit, präzise zu denken, historische Entwicklungen zu verstehen, sprachliche Strukturen zu durchdringen und manipulative Strategien zu erkennen. Wir untergraben die Grundlage für viele Studienrichtungen und die intellektuelle Tiefe, die das Gymnasium ausmacht. Vor allem aber beschneiden wir ein Fach, das jungen Menschen hilft, die Gegenwart kritisch zu betrachten und die Zukunft bewusst zu gestalten.

Wer Latein schwächt, stärkt nicht die Zukunft, sondern nur jene Kurzsichtigkeit, die Bildung mit Schlagworten verwechselt und Kultur für ein politisches Manöver hält.

Ein Schulleiter aus Wien