Es ist unwahrscheinlich, dass ich als Arbeiterkind aus dem ländlichen Raum jemals eine Fremdsprache (außer Englisch natürlich) gelernt hätte, wäre Latein nicht ein Pflichtfach an meiner Schule gewesen. Heute unterrichte ich im Rahmen meiner Selbständigkeit jede Woche Klienten aus vier Kontinenten online Latein und Altgriechisch. Der Unterricht verläuft dabei teils in der Zielsprache (nīl dulcius, ἥδιον γὰρ οὐδέν), teils auf Englisch oder Deutsch. Da die Muttersprache meiner Frau Englisch ist, erziehen wir unsere Kinder selbstverständlich zwei- oder (der oberösterreichischen Mundart sei Dank) eigentlich zweieinhalbsprachig. Außer den klassischen Sprachen habe ich in meinen Studienjahren, die ich großteils im Ausland verbrachte, ganz gut Alt- und Neuhebräisch gelernt, dazu etwas Arabisch und Altsyrisch, und vergangenen Herbst bot sich mir endlich auch eine gute Gelegenheit, mich Sanskrit, der wichtigsten altindischen Sprache, zuzuwenden.
Besonders glücklich bin ich bei alldem jedoch darüber, dass ich meine Freude am Lateinischen seit kurzem auch als Lehrer an dem Gymnasium teilen darf, an dem ich mich als Dreizehnjähriger selbst das erste Mal darüber wunderte, dass die Römer keine guten Wörter für „Ja“ oder „Nein“ hatten und trotzdem die Welt erobert und bis heute geprägt haben.
Heute bin ich mehr denn je davon überzeugt, dass Lateinlernen der Königsweg zu einem breiten Denkhorizont mit historischer Tiefe ist: So wie Englisch den Globus umspannt, durchdringt Latein unsere Geschichte. So wie wir in Zeiten digitaler Medien auf Englisch mit Zeitgenossen aus allen Kontinenten direkt kommunizieren können, lässt Latein Stimmen aus dreiundzwanzig Jahrhunderten unmittelbar an unser Ohr dringen.
Wenn man es recht betrachtet, ist es ein Wunder, dass wir für diesen geschichtlichen und kulturellen Umfang nicht zehn Sprachen lernen müssen, sondern nur eine: Über gut zwei Jahrtausende wurden zunächst in Europa, später auch in anderen Weltteilen, immer wieder dieselben Buchstaben und Silben, derselbe Grundwortschatz und dieselben grundlegenden grammatikalischen Strukturen verwendet, um dem großen Gespräch der Geistes- und Ideengeschichte etwas hinzuzufügen. Unverfälschter und direkter Zugang zu diesen ipsissima verba bedeutet zumindest die Aussicht auf Unabhängigkeit von zwischengeschalteten Übersetzungen und Übersetzungsalgorithmen und ist deshalb für den mündigen, kritischen Menschen sowie für die Gesellschaft, in der er sich bewegt, wertvoller denn je.
Dabei sollte eigentlich nicht erwähnt werden müssen, dass jede Generation von der Vergangenheit (nicht etwa von der Zukunft) lernen muss. Um nicht zu verbleiben wie der Fisch, der nicht weiß, was Wasser ist, muss der, der das Getöse der Gegenwart durchschauen will, in die Vergangenheit blicken, aus der die Gegenwart kommt. Nur bei der Vergangenheit kann man überhaupt auf Gewissheit hoffen. Immer wieder scheint offenkundig zu werden, dass viele derer, die von diesen Wurzeln abgeschnitten sind, zum orientierungslosen Spielball diverser Influencer, life coaches und anderer Proponenten weltanschaulicher Moden geworden, Gefahr laufen, zwischen alternativloser Nabelschau, eskapistischem Wunschdenken und erdrückenden Zukunftsängsten zu verzweifeln. Es ist eine Binsenweisheit, dass die Zukunft keinen Halt bietet.
Lateinstunden sind freilich kein Allheilmittel. Dennoch ist Latein als traditionelles Bildungsfach eine sichere Wahl.
Latein liegt wirklich nahe, auch weil es uns tatsächlich alltäglich nahe ist. Weder unsere Sprache noch unsere Kultur und Lebensweise sind vom Himmel gefallen: Die Vergangenheit ist allgegenwärtig und so hat der, der einmal gelernt hat, wirklich hinzuhören, Latein nicht nur in Internationalismen quasi ständig vor Augen—man denke nur an ein Wort wie „Republik“ (Eng. republic, Sp. república, Fr. république, It. repubblica; alle von Lat. rēs pūblica ‚öffentliche Angelegenheit‘)—sondern kann auch beginnen, über Lehnübersetzungen und andere Geistesverwandtschaften jenseits des Buchstäblichen nachzudenken, wie zum Beispiel bei „Kunstwerk“, einem deutschen Wort, das erst seit dem späten 18. Jahrhundert geläufig ist, sich aber erstaunlich gut mit dem antiken artificium (Lat. aus ars ‚Kunst‘ und facere ‚machen, herstellen‘) zu decken scheint. Wer das Englische gern hat, der könnte es sich jetzt zur Aufgabe machen, die Begriffe work of art, artefact und artifice in diesem Lichte zu vergleichen… Solche Überlegungen mögen manchen von Ihnen, liebes lesendes Publikum, jetzt zwar spitzfindig, konstruiert oder jedenfalls unnütz vorkommen, Sie sollten sich aber klarmachen, dass genau diese tiefreichenden, zunächst vielleicht chaotisch anmutenden historischen Verflechtungen der europäischen Sprachen und Ideen ursächlich dafür sind, dass die Lehnübersetzung des englischen „AI“ als „KI“ heute auch für viele, die kein Latein in der Schule hatten, quasi auf der Hand liegt.
Wer auch in Zukunft nach Klarheit über die Worthüllen seiner eigenen Gedanken streben will, wird historische Tiefe vermutlich noch viel dringender brauchen als heute, weil davon auszugehen ist, dass digitale Vernetzung, Übersetzungsautomaten, Chatbots und KI-Agenten wohl weniger zu sprachlicher Diversität und Vielfalt im Ausdruck als zur weiteren gegenseitigen Angleichung der sogenannten lebenden Sprachen beitragen werden. Auch hier sind buchstäbliche Anglizismen nur die Spitze des Eisbergs.
Latein liegt aber auch fern und fordert uns heraus, unseren Horizont zu erweitern und allerlei Abenteuer jenseits des Vertrauten zu bestreiten. Im Kern handelt es sich um eine antike Sprache. Die Antike wiederum ist eine eigene Welt am anderen Ende der Geschichte. Für das, was dahinter liegt, haben wir keine schriftlichen Quellen; Also nennen wir es Prähistorie (Vorgeschichte), eine Zeit, deren Stimmen wirklich verstummt sind. Die antike Literatur aber ist ungemein vielseitig und umfangreich. Dabei hat ihre Welt mit unserer auch viel Grundlegendes gemein: Auch vor 2000 Jahren waren Menschen Menschen, gab es Stadt und Land, Reichtum und Armut, Macht und Ohnmacht, Liebe und Hass, Krieg und Frieden. Dennoch ist sie so anders, dass sie uns letztlich immer fremd und unergründlich bleiben wird. Es wird nicht oft genug gesagt, dass diese Distanz wertvollen Raum für Gedankenexperimente schafft. Das Altertum ist die bewährte Sandkiste, in der man soziale und ethische Problematiken an konkreten Beispielen gleichsam aus Tradition mit großer gedanklicher Freiheit durchspielt und erforscht: Den römischen Bürgerkrieg sowohl von Caesars als auch von Pompeius‘ Seite zu beleuchten, klingt spannend. Natürlich wird man sich immer wieder dessen versichern müssen, dass auch diese historischen Ereignisse damals echtes menschliches Leid mit sich brachten: Unsere Überlegungen sind nicht rein virtuell, sondern fest in geschichtlicher Wirklichkeit verwurzelt. Dennoch ist es nicht von der Hand zu weisen, dass die Behandlung jüngerer und jüngster Konflikte für gewöhnlich wesentlich bedrückender ist und erheblich mehr moralische Entschiedenheit verlangt.
All das ist nicht unmittelbar nützlich oder gewinnbringend. Lateinlernen ist eben keine schematische Ausbildung zur Grammatikfachkraft, die alle richtigen Antworten auswendig gelernt hätte. Eher geht es um große unbeantwortbare Fragen über Sprache und Welt, Schein und Sein, Mensch und Gott. Der Anspruch des Schulfaches Latein sollte meiner Meinung nach nichts weniger sein, als eine erste profunde und persönliche Auseinandersetzung mit diesen Dingen zu ermöglichen und somit einen lebenslangen Denk- und Reifeprozess anzustoßen.
Wenn es richtig angelegt wird, wird aus dieser Bildung dann auch keine Einbildung, man habe sich mit Vokabelpauken und Übersetzungstraining einen Vorteil am Arbeitsmarkt erkauft oder man müsse sein Gegenüber mit allerlei Fremdwort-Sophisterei kleinhalten, sondern einfach das, was echte Menschenbildung sein muss: ein endloses Spiel, in dem wir endlich die werden, die wir sind.
Michael Kopf, MA, ist selbständiger Philologe und unterrichtet Latein am Stiftsgymnasium Schlierbach (OÖ).



Allgemeinbildung braucht historische Tiefe, die den Horizont weitet und neue Einordnungsmöglichkeiten eröffnet. V.l.n.r.: Bellerophon reitet auf Pegasus und bezwingt die Chimäre (Gallorömisches Mosaik, 2. Jh.); Hl. Georg als Drachentöter (Russische Ikone, 15. Jh.); Super Mario mit gelbem Cape auf Dinosaurierfreund Yoshi (Videospielverpackung, 1990).

