Wie viele meiner Kolleg:innen, die sich mit einem Statement an die Öffentlichkeit gewandt haben, bin ich mir bewusst, dass auch ich aus einer mehr oder weniger voreingenommenen Perspektive schreibe. Ich studiere Lehramt Latein und Biologie, ich unterrichte diese Fächer an einer AHS in Niederösterreich und studiere zusätzlich Alte Geschichte und Altertumskunde („Geschichte der Antike“) an der Universität Wien. Es ist offensichtlich, dass ich großes Interesse habe, Interesse an der antiken Geschichte, der lateinischen Sprache und all dem, was im Zuge des Lateinunterrichts in der Schule behandelt wird. So interessiere ich mich nicht nur für das Deklinieren von Nomen, oder das Konjugieren von Verben, was für so manche Politiker:innen der einzige Bezugspunkt zu Latein ist, ich interessiere mich für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt im antiken Rom und die Übertragung dieser antiken Diskurse auf aktuelle Diskurse zu Geschlecht und Sexualität. Ich interessiere mich für die Propaganda des Augustus im Aufbau seines neuen Kaiserreiches und wie auch heute sehr ähnliche propagandistischen Strategien von politischen Führungspersonen verfolgt werden. Ich interessiere mich für Diskurse zu „protorassistischen“ Begegnungen Roms mit anderen antiken Völkerschaften und für das, was wir darauf für unser heutiges Zusammenleben lernen können. Ich interessiere mich für die republikanische Organisation der römischen Republik und Überschneidungen aber auch Unterschiede zu unserer heutigen Demokratie, wobei hier immer klar wird, wie gut es uns in unserem demokratischen System geht. Ja, mir ist es wichtig, dass ich all diese Inhalte auch mit meinen Schüler:innen behandle, und auch dem Bildungsministerium sollte es wichtig sein, ein Fach im Schulkanon der AHS zu haben, das mit Leichtigkeit all diese und noch viele weitere Aspekte abdeckt. Denn sexuelle Vielfalt und Akzeptanz, Rassismusprävention und Medien- sowie Demokratiebildung sind wichtige Themen in einem modernen Bildungssystem, zumal sie gesellschaftlich hochrelevant sind.
Und genau das, Medien- und Demokratiebildung, möchte unser Bildungsminister fördern, Themen, die einen festen Platz im Bildungssystem brauchen. Doch in der Forderung, Latein und die dritten lebenden Fremdsprachen zu kürzen, sehe ich keinen Schritt nach vorne, wie es in etlichen Medien und vor allem von Seiten der NEOS propagiert wird („das alte, verstaubte Latein gegen einen fortschrittlichen Unterricht“), ich sehe Fächer vergehen, die eben genau diese gewünschten Aspekte in vollem Ausmaß behandeln. Ich sehe mit den Kürzungen der Sprachen, wohl angemerkt in einer Schulform, die auf das Lernen von Sprachen ausgelegt ist (Gymnasium), eher einen Rückschritt in Sachen Medien- oder Demokratiebildung. Berechtigtkann man sich fragen, wie es denn sein kann, dass es zu einem Rückschritt kommt, wenn doch ein neues Fach „Medien- und Demokratiebildung“ die Leere, die die Sprachen hinterlassen, füllen soll? Ganz einfach! Themen wie Medienbildung, wie Demokratiebildung, wie Bildung im Bereich der Künstlichen Intelligenz, sind eindeutige „Querschnittsthemen“, Unterrichtsinhalte, die in so vielen Fächern wie möglich, in so vielen Kontexten wie möglich unterrichtet und gelebt werden müssen. Das gleiche sehen wir bei anderen Themen. Auch Sexual- und Geschlechterpädagogik, beides Querschnittthemen im AHS-Lehrplan, soll und darf nicht nur im Biologieunterricht behandelt werden. Themen wie z.B. LBGTQIA+ haben im Geschichteunterricht, im Deutschunterricht, im Latein- oder Englischunterricht genauso ihre Bedeutung, wie sie es im Biologieunterricht haben, und das zu Recht. Denn AHS steht nun einmal für Allgemeinbildung. Gesellschaftlich relevante Unterrichtsinhalte, die Kinder dazu befähigen, sinnvoll und aufgeklärt an einer demokratischen Gesellschaft teilzunehmen. Auch hier leistet der Lateinunterricht seinen Beitrag. Diese Demokratiebildung, die Latein leistet, kann man z.B. in folgendem Modul aus der 6. Klasse AHS Oberstufe („Langlatein“) sehen, nur um ein Beispiel von Vielen zu zeigen:Rhetorik, Propaganda, Manipulation. Die große Bedeutung dieses Moduls für Medien- und Demokratiebildung zeigt sich durch die Modulbeschreibung noch einmal deutlicher: grundlegende Formen und Elemente rhetorischer Darstellung kennen lernen, die sprachlichen Instrumente und Effekte auch praktisch umsetzen und dabei anhand literarischer Beispiele erkennen, welche Risiken einseitige Propaganda in sich birgt. So können in diesem Modul z.B. Propaganda-Kampanien von Caesar oder Augustus analysiert werden und auf modere Propaganda politischer Führungspersonen übertragen werden. Dabei schauen die Kinder zuerst mit einem historischen Blick auf die Sachlage, was objektive Distanz schafft, und legen dann die Analysen auf die Gegenwart um. Der Erkenntnisgewinn ist garantiert groß. Denn Latein ist eben kein verstaubtes Fach, kein Relikt aus längst vergangener Zeit, es ist ein Unterrichtsfach, dessen Inhalte jetzt vielleicht mehr denn je von enormer Relevanz sind. Und neben dieser wichtigen Demokratiebildung ist Latein noch so viel mehr: Latein ist Sprachenbildung, Kulturbildung, historische Bildung. So viele Theaterstücke, Gemälde, Romane, Geschichten basieren auf antiken Mythen und Erzählungen. Latein ist ein Fach, das so viel bieten kann und bietet, ein Fach, das viele Kinder gernhaben.Außerdem leistet Latein einen fundamentalen Beitrag zur Deutschförderung. Gerade die NEOS kritisieren ja immer die schlechten Deutschkenntnisse in den Schulen und die fehlende Deutschförderung. Dann aber ein Fach, das hier einen wichtigen Beitrag leistet, streichen?
Verstehen Sie mich nicht falsch: mir ist bewusst, Latein ist nicht das Lieblingsfach aller Kinder, das mindert aber nicht die pädagogische Bedeutung dieses Faches. Außerdem zeigen etlicheZeugnisse von Schüler:innen in den letzten Wochen, wie wichtig vielen Kindern dieses Fach ist, ein Fach, das regulär ohnehin nur im Gymnasium angeboten wird. Warum dann Latein aus dieser Schulform nehmen bzw. jedenfalls einen großen Teil der Stunden, und diesen Kindern die Möglichkeit verwehren dieses Fach stressfrei zu genießen. Denn Bildung braucht Zeit, Spracherwerb braucht Zeit. Soll man sich mit diesen eben besprochenen Inhalten so auseinandersetzen, dass die Schüler:innen wirklich etwas lernen, braucht es Zeit! Und auch hier sei noch einmal angemerkt: auch die dritten lebenden Fremdsprachen werden gekürzt. Ein gutes Sprachniveau in diesen Fächern zu erlangen, wird so immer weiter erschwert. Sprachenbilddung darf keine Option sein, die nur schwer oder unzureichend zugänglich ist. In einer multilingualen Gesellschaft, auf einem vielsprachigen Kontinent, in einer EU, die aus vielen Ländern und so aus vielen Sprachen besteht, ist es doch wichtig, Sprachenlernen zu fördern. Dies sollte doch auch einer „Europapartei“ wichtig sein. Ich persönlich möchte nicht, dass Österreich die zweiten USA wird, wo das Beherrschen anderer Fremdsprachen eine absolute Ausnahme ist.
Also, Medien- und Demokratiebildung ist zu wichtig, um sie auf ein Fach zu beschränken. Wir brauchen echte Bildungsreformen statt Populismus. Wir brauchen psychologische Betreuung für Schüler:innen, administrative Entlastung von Lehrpersonen und ein Bildungsministerium, die ihre Lehrpersonen ernst nimmt. Ich bin mit meinem Latein noch nicht am Ende und ich hoffe, ich habe gezeigt, wieso es so wichtig ist, sich gegen die Kürzungen in Latein, in Spanisch, in allen dritten Fremdsprachen einzusetzen.
Bene valete!
Eric Kunz (BG Babenbergerring, Wiener Neustadt)

