Kantine am Minoritenplatz zu Wien. Später Donnerstagnachmittag: der Minister und sein Sekretär, ein paar leere Gläser. Aus dem späten Mittagessen wurde doch eine strategische Sitzung.
MINISTER: Da weht ja direkt ein Lüftchen durch die philologischen Turmstübchen, … unglaublich, wie viel Staub ich da aufgewirbelt habe! … Unter den Talaren, der … … fast wie im 68er Jahr! Aber, du sag, gibt es denn wirklich so viel Lateiner:innen (Genderpause mit heiterem Augenzwinkern) bei uns, dass die so einen Aufstand machen können? Ich meine, 40 Tausend Unterschriften nur für den Luxus Latein … das sind doch alles Chatbot-Unterstützer, oder?
SEKRETÄR: Na, ja, die haben halt ein paar sogenannte Intellektuelle auf ihre Seite geholt. Die werden schon echt sein, bei den anderen weiß man das heute nie so genau… KI und so. Demokratiepolitisch jedenfalls delikat.
MINISTER: Eben! Kann man völlig ignorieren. Genauso wie diese übertrieben vielen Leserbriefe, die täglich in meiner Mailbox antichambrieren. … Unglaublicher Löschaufwand. 😉
SEKRETÄR: Ist nur ein Sturm im Sektglas! Gibt ja wenig konkrete Unterstützer derzeit: Alles auf Wirtschaft fixiert; das Heer der ÖVP ist mit seiner Abstimmung beschäftigt; die Roten mit sich selbst oder mit dem Kern der Genossen. Für die Grünen ist der Fasching nach dem Tango Corrupti auch schon vorbei, und die Gewerkschaft hat ihren Abschluss … Strategisch echt günstig, mit dem alten Gerümpel endlich aufzuräumen! Bildungspolitischer Aschermittwoch vom Feinsten!
MINISTER: Na ja, du übertreibst! … Unser KI-Super-Forscher war jedenfalls gestern beim Armin. Geistreicher Bursche. Das mit der Weltherrschaft und KI war natürlich schon maßlos übertrieben von ihm, einfach ein bisschen zu viel Orwell geschaut. Aber sein Motto, dass er mit „ganz vielen anderen Getriebenen arbeiten möchte, die Spaß an der KI haben“, hat mir gefallen.
SEKRETÄR: Könnte im Plan Z stehen! Der neue KI-Shooting-Star hat ja selbst gesagt: „Wir müssen nicht mehr jeder acht Stunden am Tag arbeiten“. KI hilft uns, schnell und effektiv ans Ziel zu kommen. Deswegen können wir ja auch in der Schule einsparen. Weniger ist mehr!
MINISTER: Richtig erkannt! Mich ödet ja dieses Gejammer um Stundenkürzungen schon richtig an. Als ob man solche Sachen mit Schul- oder anderen Partnern vorher diskutieren müsste! Es reicht meine Unterschrift und der Zug fährt ab. Einer muss in der Demokratie räsoniert Entscheidungen treffen und dann dazu stehen. Bildung dem Mob preisgeben!?! Da könnten wir ja gleich auch eine Volksabstimmung machen!
SEKRETÄR: Wäre vielleicht nicht so eine schlechte Idee. So etwa: „1 Sind Sie dafür oder dagegen, dass Latein (= tote Sprache der antiken Römer) an unseren Schulen als Pflichtgegenstand abgeschafft wird? 2 Sind Sie dafür oder dagegen, dass Ihre Kinder dank KI ohne Anstrengung beste Schulabschlüsse erhalten?“ Wenn wir solche Sachen fragen, haben wir bestimmt mehr als 95% Zustimmung. … Die meisten sind doch viel zu limitiert, um die Hintergründe zu verstehen.
MINISTER: Na und ob! Unsere Demokratie braucht halt einfach kritische Jugendliche, die der billigen Propaganda widerstehen können und selbstständig denken und entscheiden können.
SEKRETÄR (ganz ernst): Das denke ich mir auch!
MINISTER (spricht schon fast druckreif): Wir leben in turbulenten Zeiten, die sich unglaublich schnell verändern. Das Betriebssystem von heute kann morgen schon überholt sein, die Datenträger von gestern kann man vielleicht übermorgen nicht mehr lesen. Im neuen Fach „Informatik und KI“ lernen unsere Kinder genau damit umzugehen. Nur so können sie gut auf unsere komplexe Welt vorbereitet werden. Allgemeine AI-Bildung ist nützlicher als die elitäre Allgemeinbildung. Hat sich halt bisher noch keiner getraut! KI muss endlich in der Schule ankommen.
SEKRETÄR (vorsichtig einwendend):Na, genau genommen ist ja KI dort schon da. Bei meiner Kleinen zum Beispiel im Gym geht ein Geschichte- oder BU-Referat gar nicht mehr ohne ChatGPT. Macht alles die KI. Meine Lisi und ich brauchen keine Sachbücher mehr durchblättern. Zweimal lesen und Wichtiges unterstreichen, gibt´s nicht mehr: Und diese Poster mit selbstgemachten Zeichnungen sind auch von gestern. Das hat unsere Eltern ordentlich genervt, oder?
MINISTER: So ist es! Diese lernlastigen Zeiten sind endgültig vorbei. Einfach KI anwenden und sie dann hinterfragen: Das ist gelebte Demokratie. Da haben endlich alle die gleichen Chancen und keiner muss mehr pauken, was er eh nie braucht. KI liest vor, KI recherchiert, KI schreibt richtig – mit KI wird bald jedes kleine „Tschopperl“, wenn ich so sagen darf, richtig schreiben, lesen und rechnen können.
SEKRETÄR: Das sollte man diesen Nerds mit ihren Sprachen auf Level A1 oder A2 einmal klarmachen!! Vitamin B ist viel wichtiger! (Grins) Man muss nicht so viel lernen, man muss nicht so viel verstehen: Ablativ, Substantiv, Subjunctive – „Zu was brauchen´s denn das?“, hat da schon die Marie-Antoinette gefragt.
MINISTER: Und ich gebe ihr jetzt die Antwort drauf: Für nix! Lieber ein paar Stunden „Medien und Demokratie“ mehr und segensreiche Bildung kommt über alle!
SEKRETÄR: Fein so eine zukunftsaffine Reform! … Worum geht es eigentlich in „Medien und Demokratur … äh -kratie“? Wir haben doch die KI?
MINISTER (etwas mechanisch monologisierend): In erster Linie geht es um eine Modernisierung der politischen Bildung, indem wir uns auf digitale Medien und deren Einfluss auf die Demokratie fokussieren. Medienkompetenz ist dann per se das essenzielle Werkzeug, um politische Entscheidungen und soziale Entwicklungen richtig einordnen zu können. Ich möchte jungen Menschen einfach helfen, Desinformation zu erkennen, und sie encouragieren, sich aktiv als informierte Bürger:innen am gesellschaftlichen Diskurs zu beteiligen.
SEKRETÄR: Wirklich gut gesagt – absolut pressereif! Und wenn wir es dann noch etwas herunterbrechen, dann werden es wirklich alle verstehen, auch die …
MINISTER (ihn entschieden unterbrechend): … auch die, die aufgrund sprachlicher Defizite noch nicht adäquat partizipieren können oder halt mit ihrem Latein schon am Ende sind (grins), exakt! Und genau deshalb bedeutet ja weniger Latein mehr Humanismus. Mehr gelebte Language Learning-Praxis und weniger überflüssige Sprachtheorie-Einheiten. Das ist moderne Bildungspolitik: Weniger ist mehr!
(Der Sekretär scheint das Paradoxon zu verstehen und signalisiert durch Nicken heftige Zustimmung. Dann greift er zum Handy und swipt dreimal schnell darüber – einmal nach links, zweimal nach rechts.)
Mag. Ewald Cerwenka (Europagymnasium Baumgartenberg)


