Latein und Informatik passen nicht zusammen? Bloße Meinungsmache, wenn man einen Informatiker mit viel Erfahrung in der antiken Sprache fragt.
Medienbildung, das Beurteilen einer Quelle, eines Artikels, eines Mediums, ist ohne Frage eine der wichtigsten Disziplinen in einer Welt, die sich rasant weiterentwickelt. Nur wer selbst beurteilen kann, ob eine Behauptung der Wahrheit entspricht, und fundiert entscheiden kann, welchen Medien und Aussagen er oder sie glauben und folgen möchte, kann ein Leben lang lernen. Denn irgendwann ist die formelle Ausbildung unter strenger Aufsicht der Lehrenden vorüber und dann sind die Schülerinnen und Schüler auf sich gestellt, müssen selbst entscheiden, von wem und was sie jetzt noch lernen wollen.

Insbesondere bei aktuellen Geschehnissen, die nicht durch jahrelange Analysen von Historikern und Historikerinnen aufgearbeitet sind, ist es wichtig, eine umfassende Medienbildung zu haben, um in der Lage zu sein, sich ein Bild der Ereignisse zu machen. Nur so können Schülerinnen und Schüler inmitten eines digitalen Zeitalters, in dem jederzeit und immer ein geradezu überwältigender Strom an Informationen auf sie zukommt, auf ein selbstbestimmtes Leben vorbereitet werden.
Nun ist Latein ein Fach, das sich ausgiebig mit Texten, deren Inhalt und deren Botschaft auseinandersetzt. Die kritische Auseinandersetzung mit lateinischen und deutschen Texten ist ein wichtiger Bestandteil des Lateinunterrichts. Texte werden kritisch durchleuchtet, Vergleiche zu ähnlichen Texten oder modernen Geschehnissen werden angestellt, die Texte werden auf Widersprüche und Integrität geprüft und im Licht der heutigen Zeit und Gesellschaft betrachtet und bewertet. Solch ein Fach, das sich mit Quellenkritik und dem kritischen Prüfen von Texten und deren Inhalten beschäftigt, zu reduzieren, kann kaum im Interesse der Medienbildung stehen.
Und auch abseits der Medienbildung, die im Rahmen des Lateinunterrichts geschieht, hat Latein einiges zu bieten. Denn Latein ist Sprache. Gerne wird Lateinunterricht abgestempelt als das Erlernen einer toten Sprache, die nicht mehr verwendet, geschweige denn gesprochen wird. Doch es wird eben nicht das Sprechen dieser toten Sprache vermittelt, sondern das Entschlüsseln, das Analysieren der Struktur eines Textes, eines Satzes, eines Wortes. Das Übersetzen eines Textes erfordert weit mehr als das stumpfe Ersetzen der lateinischen Worte durch ihre deutschen Gegenstücke. Da die lateinische und die deutsche Sprache vor allem im Satzbau große Unterschiede aufweisen, sind für eine gelungene Übersetzung vor allem gute Deutschkenntnisse erforderlich.
Im Rahmen des Lateinunterrichts wird die deutsche Sprache aus einem gänzlich anderen Blickwinkel betrachtet. Die Aufgabe, mit vorgegebenen Wörtern und vorgegebener Semantik einen syntaktisch richtigen Satz zu formen, wird in keinem anderen Umfeld so intensiv trainiert wie im Lateinunterricht. Diese Übung stärkt das Verständnis der deutschen Sprache erheblich. Und da Sprache in unserem Leben wahrlich allgegenwärtig ist, stellen genau diese Kenntnisse unglaublich wichtige Softskills dar.
Ich sehe hier als Student an der TU Wien durchaus Berührungspunkte zwischen Latein und Informatik. Für das Handwerk der Informatik, das Programmieren und in weiterer Folge auch das Lesen von Programmcodes, stellt eine hohe Sprach- und Lesekompetenz einen großen Vorteil dar. Das ist soweit wenig verwunderlich, da es sich bei Programmiersprachen letztendlich immer noch um Sprachen handelt.

Um einen Zusammenhang mit Latein zu erkennen muss man lediglich betrachten, was das Lesen von Code eigentlich bedeutet: Es geht darum, eine Folge von Wörtern und Zeichen zu untersuchen, die Bedeutung der einzelnen Elemente zu ermitteln, und dann zu erkennen, welche Strukturen sich durch die vorlegende Kombination der Wörter ergibt. Dann wird die Semantik des Programmcodes angesehen. Um sich über den Code zu unterhalten ist es zuletzt noch nötig, das Gelesene präzise in eine für Menschen verständliche Sprache umzuformulieren.
Vieles davon wird Schülerinnen und Schülern, die Lateinunterricht besucht haben, bekannt vorkommen. Auch beim Übersetzen von lateinischen Texten werden zunächst Wörter übersetzt und Strukturen untersucht, bevor man die Semantik feststellt und schlussendlich die lateinischen Sätze in gut verständliche deutsche überträgt. Logik und Mathematik sind also keineswegs die einzigen Kompetenzen, die eine gute Voraussetzung für das Programmieren darstellen. Sprachliche Kompetenzen zählen, zu den wichtigsten Vorraussetzungen um sehr gut programmieren zu können und schnell Programmiersprachen zu lernen. Lateinkenntnisse und Übung beim Übersetzen, beides wird im Lateinunterricht vermittelt, haben mir also bisher sicherlich im Informatikstudium geholfen, da der Lateinunterricht meine sprachlichen Fertigkeiten sicherlich verbessert hat.
Stellt eine Kürzung dieser Kompetenzen also wirklich einen Vorteil für Maturantinnen und Maturanten dar?
Eine Kürzung um vier Stunden im Laufe der Oberstufe hätte gerade für den Lateinunterricht drastische Folgen, die einer Abschaffung des gesamten Faches durchaus nahekommen. Denn der Lateinunterricht ist im Grunde in zwei Teile gegliedert. Zunächst werden Grammatik und Vokabelkenntnisse vermittelt und stetig geübt und verbessert. Danach verlegt sich der Fokus immer stärker auf das Übersetzen von Texten sowie auf die Analyse und kritische Betrachtung lateinischer Originalliteratur. Die beiden Teile bauen inhaltlich aufeinander auf, und für das Verstehen von Texten sind tiefe Kenntnisse der Grundlagen unbedingt erforderlich. Je länger nun dieser Grundlehrgang gestreckt und je mehr er ausgedehnt und ausgedünnt wird, desto schwieriger ist es für Schülerinnen und Schüler, dieses Wissen anzuwenden. Das wiederum senkt das Unterrichtsniveau drastisch und lässt weiters immer weniger Zeit für das, weshalb man Latein, eine tote Sprache, lernt. Nicht um die Sprache zu beherrschen, sondern um Texte zu ergründen, in denen unsere kulturellen Wurzeln verankert sind, und um mit Sprache Freude zu haben.
Latein ist eine wertvolle Sprache, die den Schlüssel zu unseren kulturellen Wurzeln darstellt. Das Erlernen dieser Sprache hilft maßgeblich, die eigenen Deutschkenntnisse zu verbessern und bietet eine Sichtweise auf Sprache, die das reine Erlernen lebender Sprachen nicht bieten kann. Um das zu untermauern, genügt es, die Liste der Studien zu betrachten, die Latein vermitteln oder voraussetzen, unter anderem viele Lehramtsstudien für lebende Fremdsprachen, Geschichte und Archäologie. Zusammen mit Kompetenzen wie Medienkritik und logischer Analyse vermittelt der Lateinunterricht also durchaus Fähigkeiten, die keineswegs als veraltet oder gar tot bezeichnet werden können. Diese Bildung darf Schülerinnen und Schülern, die eine AHS-Oberstufe mit Latein gewählt (!) haben, nicht verwehrt werden. Nicht in einer Zeit, in der Medienkritik, Quellenkritik und Bildung wichtiger sind als je zuvor, und schon gar nicht in einem neutralen, gebildeten Kulturland wie Österreich. Natürlich stimme ich Herrn Wiederkehr zweifellos zu, wenn er die immer weiter wachsende Wichtigkeit von digitalen Kompetenzen betont. Allerdings weiß ich als Informatikstudent aus eigener Erfahrung, dass sich digitale Kompetenzen und eine humanistisch geprägte Schulbildung mit 12 Wochenstunden Latein keineswegs ausschließen.
Ich würde mir daher wünschen, dass Herr Bildungsminister Wiederkehr seinen impulsiven Angriff auf die philologische Bildung nochmals überdenkt, um allen Schülerinnen und Schülern die bestmögliche Bildung zukommen zu lassen.
Philipp Egger (Informatikstudent an der Technischen Universität Wien, Sieger des Certamen Olympicum Austriacum Latinum et Graecum 2024, Kategorie Latein Langform)

