Mehr Politik als Bildung

Die aktuelle Debatte über die geplante Reform des Gymnasiums wird öffentlich als Diskussion über Latein geführt. Genau darin liegt bereits das Problem: Latein dient als Symbolfigur, nicht als eigentlicher Gegenstand der Reform. Tatsächlich geht es um eine generelle Reduktion des Sprachunterrichts und um eine bildungspolitische Neuausrichtung, deren Inhalte, Umsetzung und Zielsetzung bislang erstaunlich unklar bleiben.

Als Lateinlehrer und Doktorand der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien will ich meine Perspektive nicht verbergen. Gerade deshalb lohnt es sich, einen Blick auf jene Aspekte zu werfen, die weniger emotional als vielmehr politisch und methodisch zu beurteilen sind: Vorbereitung, Kommunikation und Begründung der Reform.

Der Ablauf der letzten Wochen zeigt ein bemerkenswertes Muster: Zunächst wurde eine unspezifische Umfrage an alle Schultypen ausgesendet, anschließend zu Bürgerforen eingeladen, bevor konkrete Inhalte überhaupt öffentlich vorlagen. Kurz darauf wurden Reformpläne medial bestätigt und breit kommuniziert – unmittelbar vor Beginn der Semesterferien im Osten Österreichs. Eine Online-Umfrage auf der Parteihomepage, die sich deutlich gegen die Reform aussprach, verschwand kurz darauf wieder. Ob politisches Kalkül oder Zufall: Eine offene und breit geführte Diskussion sieht anders aus.

In der öffentlichen Kommunikation wurde konsequent Latein als Beispiel genannt, während kaum erwähnt wurde, dass alle Zweitsprachen betroffen sind. Diese Zuspitzung ist strategisch nachvollziehbar: Latein lässt sich leichter als Gegensatz zu Digitalisierung oder künstlicher Intelligenz inszenieren als moderne Fremdsprachen. Pädagogisch trägt dieser Gegensatz jedoch nicht. Fragen von Medienkompetenz, politischer Bildung oder kritischem Denken sind längst Teil des Unterrichts – gerade auch im Lateinunterricht, der sich traditionell mit Propaganda, Machtstrukturen und politischer Kommunikation in historischen Texten auseinandersetzt.

Übersehen wird dabei auch, dass neue Lehrpläne erst kürzlich erarbeitet wurden und zentrale Themen wie Demokratiebildung oder Digitalisierung bereits als Querschnittsmaterien enthalten. Gleichzeitig bleibt unklar, welche Inhalte die angekündigten neuen Fächer haben sollen, wer sie unterrichten wird und wie sie organisatorisch umgesetzt werden können. Reformrhetorik ersetzt hier bislang konkrete Bildungspolitik.

Hinzu kommen inhaltliche Widersprüche: Einerseits sollen neue Fächer entstehen, andererseits wird über Fächerverbünde nachgedacht. Einerseits wird Innovation eingefordert, andererseits wird eine Umfrage mit begrenzter Aussagekraft als demokratische Legitimation präsentiert. Die Debatte verschiebt sich dadurch von einer sachlichen Diskussion über Bildung hin zu einer politischen Inszenierung.

Das Gymnasium und das Erlernen einer Zweitsprache beruhen auf Wahlentscheidungen von Schüler:innen und Eltern. Wer Latein lernt, tut dies freiwillig. Umso wichtiger wäre eine Reform, die auf Transparenz, pädagogischer Argumentation und fachlicher Expertise basiert.

Die eigentliche Frage dieser Debatte lautet daher nicht, ob Latein acht oder zwölf Wochenstunden umfasst. Sie lautet, wie Bildungspolitik gemacht werden soll: durch langfristige Planung und inhaltliche Klarheit – oder durch symbolische Konflikte und mediale Aufmerksamkeit.

Als der römische Kaiser Augustus seine Alleinherrschaft etablierte, erklärte er, damit die Republik wiederherzustellen. Dass politische Kommunikation und politische Realität nicht immer deckungsgleich sind, ist also keine neue Erkenntnis.

Macte virtute, Herr Minister!

Lukas Ebert MEd ist Lateinlehrer am BG/BRG Perchtoldsdorf und als Pre-Doc in der Forschung beim SFB F92 Managing Maximilian angestellt.