Nach der Unterstufe des Gymnasiums steht eine wichtige Weichenstellung für die Schüler:innen an: der weitere Bildungsweg nach der 4. Klasse des Gymnasiums. Diese Entscheidung ist nicht leicht. Das Gymnasium ist aus tiefster Überzeugung der Idee der Allgemeinbildung verpflichtet. Dazu im Folgenden einige Gedanken. Keinesfalls ist gegen andere Schultypen zu sprechen, sehr wohl aber für die Idee des allgemeinbildenden Gymnasiums.
Zuerst ist ein Blick auf wesentliche Stationen der Entwicklung des Bildungsbegriffs nötig, der zwar in vielen politischen Reden vorkommt, meist aber flach bzw. unklar verwendet wird. In der indoeuropäischen Sprachenfamilie bietet nur das Deutsche die Unterscheidung zwischen „Erziehung“ und „Bildung“, daher wurde der Begriff „Bildung“ von Richard Rorty (1931–2007) in den angelsächsischen Diskurs aufgenommen. Erziehung hat mit Fremdbestimmung zu tun, Bildung mit Selbstformung, mit Selbstbestimmtheit.

Der Bildungsbegriff der griechischen Antike zielt auf die Ausbildung von Tugenden und meint bereits die Arbeit an sich selbst mit dem Ziel der Vervollkommnung – allerdings nicht gemeint als Selbstoptimierung im Kontext heutiger individualisierter und kompetitiver Leistungsgesellschaften. Gelassenheit, die goldene Mitte, die vier Kardinaltugenden Gerechtigkeit, Stärke, Klugheit und Maß als condicio sine qua non persönlichen Glücks. Γνῶθι σεαυτόν – Erkenne dich selbst: Die Maxime auf einer Säule des delphischen Apollotempels fasst dieses Bildungsideal zusammen. Nietzsche wird 2000 Jahre später in seiner berühmten Schrift Ecce homo sagen: „Werde, der du bist!“.
Der Dominikanermönch und Mystiker Meister Eckart (1260–1328) hat den Bildungsbegriff ins Deutsche eingeführt: bildunga. Der göttliche Funke im Menschen soll entfacht, der Mensch Gott ebenbildlich werden. Im Frühneuhochdeutschen bedeutet bildunga auch Schöpfung. In der Renaissance, einer Zeit der Entstehung eines ungeheuren Selbstbewusstseins des Menschen, wird Pico della Mirandola in seiner bahnbrechenden Schrift De hominis dignitate von der Teilhabe des Menschen am Schöpfungsakt seiner selbst sprechen.
Dieser vollzieht sich allerdings in Freiheit, sodass der Mensch die Möglichkeit hat, entweder zum Bösen zu entarten oder sich zum Guten zu entwickeln.
Amos Comenius wird im 17. Jh. – nach den Erfahrungen des 30igjährigen Krieges – davon sprechen, dass der Mensch „ent-roht“ werden müsse: erudiri. Seine zentrale und vor allem moderne Forderung: Alle Menschen sollen alle Dinge der Welt vollständig erlernen dürfen (omnes omnia omnino excoli) – Allgemeinbildung im besten und demokratischen Sinne des Wortes. In Fortsetzung dieser gedanklichen Linie wird Kant im Zeitalter der Aufklärung Bildung mit Vernunft, Emanzipation und Mündigkeit verbinden: Sapere aude – habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Wilhelm von Humboldt wird schließlich im 19. Jh., der Zeit des Neuhumanismus, Bildung zum Letztzweck jeder bildenden Bemühung erheben. Bildung ist nicht nur Menschenrecht, sondern auch Menschenpflicht mit dem Ziel der Personwerdung. Allgemeinbildung im Gymnasium ist nicht nur, aber wesentlich Selbstzweck ohne Blick auf Verwertungsinteressen. Damit sind wir bei der Institution des Gymnasiums heute.
Welche sind also die wesenhaften Merkmale von Bildung?
1. Bildung ist Selbstbildung.
Die Aufgabe von Pädagogik ist es, zu solcher Selbstbildung anzuleiten und die Rahmenbedingungen dafür bereitzustellen. Dafür lässt sich von der Personalen Pädagogik im Sinne Viktor Frankls einiges lernen.
Zu Bildung kann niemand gezwungen werden. Der Mensch kommt durch eigenen Entschluss zur Bildung. Der Mensch wird nicht für den Staat, die Kirche oder die Wirtschaft erzogen und er bildet sich auch nicht dafür, sondern um seiner selbst willen. Es steht also nicht der Zweck im Vordergrund, sondern der Sinn, womit wir nochmals bei Frankl wären.
2. Reflexivität ist Voraussetzung für Bildung.
Bildung ist nicht nur Akkumulation von Wissen (das wäre nach Adorno nur Halbbildung), sondern kritische Auseinandersetzung mit sich und der sozialen Umwelt. Was bei Formaten wie der Millionenshow abgefragt wird, wäre also im wohlmeinendsten Sinne Halbbildung.
3. Bildung ist immer Persönlichkeitsbildung.
Sie dient als Letztzweck immer der Ausbildung der autonomen Persönlichkeit und somit der Förderung von Identität.
4. Bildung entfaltet sich in der Spannung zwischen Innerlichkeit und reflexivem Welt- und Handlungsbezug.
Die Suche nach sich selbst braucht als Gegenspieler die Welt. Als gebildete Persönlichkeit übernimmt der Mensch Verantwortung für sein Handeln, es eröffnet sich hiermit die ethische Dimension.
5. Bildung bedeutet Selbstbestimmung, Mündigkeit, Emanzipation.
Dies impliziert Kritikfähigkeit, Unangepasstheit gegenüber fremdbestimmten Anforderungen (aktuell z. B. automatischen Algorithmen), Fähigkeit zur Provokation im besten Sinne des Wortes, Nonkonformismus. Selbstredend nicht als Selbstbespiegelung, sondern im Nachdenken und Agieren im Bereich des gesellschaftlichen Umfeldes. Die politische Dimension von Bildung leuchtet hier auf.
6. Bildung ist ein soziales bzw. kooperatives Gut
Bildung gewinnt, so Clemens Sedmak, an Wert, wenn sie – wie z. B. auch Freiheit, Kultur, Solidarität – geteilt wird. Dies ganz im Gegensatz zu kompetitiven Gütern (Macht, Geld, Besitz etc.), die bei Teilung an Wert verlieren. Bildung steht somit für die Ausprägung des Humanum, Klafki spricht von Solidaritätsfähigkeit.
Bildung umfasst ein handlungsleitendes Wertefundament, das sich im aufklärerisch-humanistischen Sinn an den universellen Menschenrechten orientiert. Beim Blick auf das momentane Weltgeschehen wird klar: Es fehlt an Bildung.
7. Die Begriffe Humanismus und Humanität sind nicht deckungsgleich.
Humanität ist und muss das Ziel jeder Bildungsbemühung sein, Humanismus hingegen meint einen klaren Bezug zur Geistigkeit der griechisch-römischen Antike und das Studium der antiken Texte. Beide Begriffe sind wichtig, werden aber in der bildungspolitischen Diskussion oft verwechselt. Der Philosoph Konrad P. Liessmann z. B. hat dazu ausführlich geschrieben.
8. Bildung ist mehr als Kompetenzerwerb und Employability.
Selbstredend müssen Kompetenzen erworben werden, um für den Einstieg in das Berufsleben gerüstet zu sein, selbstständig Probleme lösen und sein Leben führen zu können. Hier zeigt sich allerdings die Trennlinie zwischen Kompetenz und Bildung: Bildung meint nicht Selbstständigkeit, sondern Selbstbestimmung.
Der Innsbrucker Bildungswissenschaftler Bernd Lederer schlägt folgende Definition von Bildung vor:
Bildung meint die reflektierte Welt- und Selbsterkenntnis im Dienste individueller Selbstentfaltung im Modus der Selbst- und Mitbestimmung in hierfür als geeignet erkannten und (mit)gestalteten Lebensumwelten.
Die Trias Sprache – Bildung – Demokratie
Jagoda Marinić hat als Festrednerin bei der Eröffnung des Brucknerfestes 2025 in Linz sehr treffend von der algorithmischen Verengung der Welt gesprochen. So sehr der technische Fortschritt faszinierende Möglichkeiten hat, so sehr birgt er Gefahren. Dabei sprach sie von den aktuellen Möglichkeiten der neuen Algorithmen, die Demokratie zu beschädigen. Sie beklagte auch die Traumlosigkeit heute. Es müsse etwas geben, was größer als die Resignation sei. Dabei sprach sie die Suche nach dem Licht an und bezog sich dabei auf das Pantheon in Rom. Woher kommt das Licht?

Etwas länger zurück: Die Aufführung von „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus auf der Perner Insel bei den Salzburger Festspielen. Ein beklemmend aktuelles Werk, das ganz zentral Sprache thematisiert. Im Rahmen des Kulturmontags am 28.7.2025 fielen bemerkenswerte Sätze.
Das die Diskussion beherrschende Thema war „Sprache“. Sprache und Literatur seien zu verteidigen, „damit die Wirklichkeit nicht zerbricht“ – ein starkes Wort. Die amerikanisch-polnische Historikerin Anne Applebaum, die die beeindruckende Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele gehalten hatte, sprach davon, dass Demokratie nicht nur Teilnahme an Wahlen sei, sondern Bildung, Kultur, Beteiligung an der Gesellschaft.
Der Schauspieler und Musiker Peter Fasching sprach vom „Gift in der Sprache“. Die Schauspielerin Dörte Lyssewski beklagte die zunehmende Reduktion und Erosion von Sprache, die wir heute erleben. Es herrsche eine „sagenhafte Empathielosigkeit“ gegenüber Menschen. Karl Kraus selbst hatte bereits festgestellt: „Der Krieg beginnt mit der Sprache“ – und sich in höchst beklemmender Weise als Prophet erwiesen. Damit zurück zum Ausgangspunkt des Brucknerfestes. Jagoda Marinić: „Wo ist die Idee der Anti-Trumpisten?“ Welchen Schluss ziehen wir daraus?
Unterricht der Klassischen Sprachen: Politische Bildung und Demokratiebildung par excellence
Die intensive und umfassende Beschäftigung mit den Sprachen Latein, Griechisch und Deutsch erfüllt das wesentlichste aktuelle Bedürfnis im Bereich der Bildung bzw. Persönlichkeitsbildung: Die Klassischen Sprachen fördern die entscheidenden demokratiepolitischen Kompetenzen: gehobenes Sprachniveau, Diskursfähigkeit und Argumentation mit sauberen Begriffen, Fähigkeit zum echten Dialog mit Respekt vor der Meinung des Anderen, Verstehen und Verfassen gehobener komplexer Texte, Wissen um Manipulation durch Sprache – Fake-News-Prophylaxe pur. Dies alles ganz im Sinne von Wittgenstein: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“
Hier wäre noch der geheimnisvolle Anfang des Johannes-Evangeliums in den Blick zu nehmen: Im Anfang war das Wort. Das würde das Thema weiten auf „Beziehung“ – Beziehung der Menschen zur Transzendenz, die diejenigen, die sie noch erahnen, „Gott“ nennen – und daraus sich nährend auf die Beziehung der Menschen untereinander. Hier treffen sich Religion und Politik in unverdächtiger Weise.
Zurück zur Demokratie: Das Fach „Demokratiebildung“ wird über das bereits bestehende Unterrichtsprinzip Demokratiebildung“ im allgemeinbildenden Fächerkanon bereits wirksam umgesetzt.
Fazit Allgemeinbildung
Allgemeinbildung fokussiert vernetztes Wissen, Überblick, Problemlösungsfähigkeit, Flexibilität, Vielfältigkeit, kulturellen Kontext, Sprache, Langsamkeit, Zeit für die Entwicklung bzw. Entdeckung von Interessen. Ein breiterer Horizont braucht mehr Zeit. Diese ist gut investiert und kommt später wieder zurück. Allgemeinbildung will vorschnelle Festlegung bzw. Spezialisierung und damit Engführung vermeiden und vielmehr den Blick über die Grenzen von Wissensgebieten möglich machen, dies auch ganz besonders durch das Zusammenspiel von Natur- und Geisteswissenschaften.
Geradezu ein Säulenheiliger dieses Bildungskonzepts ist Physiknobelpreisträger Prof. Anton Zeilinger: Technischer Fortschritt braucht, so sein Credo, immer auch die Reflexion durch Philosophie, Ethik etc. Die Naturwissenschaft alleine greift zu kurz.
Konrad P. Liessmann hat die die entscheidende Frage gestellt:
„Die Frage, was es heißt, als Mensch menschlich zu leben, die zentrale Frage aller humanistischen Philosophie, stellt sich angesichts der technischen Möglichkeiten der Selbstformung, Selbstgestaltung, aber auch Selbstabschaffung des Menschen in ungeahnter und radikaler Weise. Und es gehört zur Ambivalenz dieser Frage, daß die Vorstellung, daß der Mensch auch sein biologisches Schicksal selbst in die Hand nehmen kann und daß es keinen festgelegten Entwurf von dem gibt, was Menschsein heißt, schon in der Geburtsstunde des Humanismus, in der Rede des Pico della Mirandola über die Würde des Menschen, angelegt war.“
Die Schülerinnen und Schüler zu befähigen, diese Frage wahrzunehmen, zu verstehen und an der Antwort im gesellschaftlichen Zusammenspiel mitzuwirken, ist Ziel und Vision der Allgemeinbildung, die wir an den gymnasialen Schulformen anbieten.
Mag. Peter Glatz (Stiftsgymnasium Wilhering, Obmann der Sodalitas)

