Meine Kränkung/Mea contumelia

Also nachdem diese Hiobsbotschaft, dass Latein gekürzt und verleumdet wird, so eingeprasselt ist, habe ich ein bisschen in mich gehen müssen, um genau zu verstehen, worin genau die Kränkung liegt …

Nun, sie liegt nicht darin, dass sich etwas ändert. Natürlich hat der Lateinunterricht eine lange Tradition, und hat somit alte Elemente, die im Unterricht abgeprüft werden: Vokabeln, Grammatik, Genauigkeit auf einem sehr hohen Sprachniveau. Es sind Qualitäten, die man ernst nehmen sollte, die einem auch helfen nicht nur Fremdsprache, sondern auch Deutsch (oder eine andere Muttersprache) perfekt zu beherrschen. 

Nur braucht das noch jemand? Naja, wenn es nur darum ginge Ideale aus dem 17. Jahrhundert hochzuhalten, dann soll man das Fach gleich komplett abschaffen. Dann hätte ich dieses Fach auch nicht gewählt … aber. Aber Lateinunterricht ist nicht nur das Übersetzen. Das Fach hat sich in den 2000ern massiv reformiert. Es geht nicht darum Texte hirnlos zu übersetzen, sondern sie zu besprechen. Denn diese 2000 Jahre alten Texte sind so aktuell wie immer. 

Statue of roman emperor augustus points upward.

Ich gebe gerne eine Kostprobe der Themen, die ich als Lehrer darin bespreche: 

  • Krieg und Propaganda 
  • Korrupte Politik und Krise in einer Republik
  • Unsterbliche Liebe und der Hass, wenn man einen Korb bekommt
  • Der Umgang mit fremden Völkern und Rassismus
  • Systematische Gewalt (vor allem gegen Frauen) 
  • Sinn des Lebens und Auseinandersetzung mit Suizid

Das sind zeitlose, schwere und wichtige Themen! 

Ich habe nichts dagegen, diese auch eine Stunde weniger zu unterrichten – von mir aus versteh ich auch, dass mein Fach einem modernen Konzept von Schule Platz machen muss. Das ist Kompromiss, das ist Demokratie.

… doch jetzt wird mein Fach nicht angegriffen, weil es ein neues Konzept gibt. Es gibt nur eine vage Idee, eine Überschrift, ein leeres Versprechen.

Zwei Fächer sollen eventuell mein Fach ersetzen: Das erste Fach, das vorgeschlagen wird, ist: „Demokratie und Medien“. Das lasse ich nicht als Ersatz gelten, denn ich unterrichte Demokratie und Medien und das en masse in meinem Unterricht. Bevor ich eine Deklination durchkaue, ziehe ich es tausendmal lieber vor, dass ich über die Korruption der Römer, antike Tyrannen oder die Ungleichheit der Gesellschaft erzähle und mit heute vergleiche. Immer … das lasse ich mir nicht absprechen. 

… und das spreche ich auch nicht meinen Kolleg*innen ab. Ich kenne nämlich ihre Ansichten, die sich in meinen spiegeln, dass Folgendes das Wesen von Lateinunterricht ist: die politische und kulturelle Bildung. Aber das interessiert niemanden. Denn wenn es um diese Bildungsinhalte ginge, dann gäbe es keinen Konflikt. Aber es geht nicht um den Inhalt, sondern nur um die Überschrift. „Latein ist alt. Das ist neu.“ Es geht immer um die „Zukunft“, jedoch ohne Auskunft, was sie sein soll.

Hier wären wir auch beim nächsten Ersatzfach, nämlich KI. Was soll man in dem Fach machen? Lernen, wie man promptet? Wichtig gewiss, aber was genau soll man generieren? Designs? Programme? Buchhaltung? Das Ganze ist schon eine nette Idee, denn KI wird bleiben und es wird wichtig sein, damit umzugehen, ja, aber was wird dann unterrichtet? Niemand legt ein klares Konzept vor. Ich möchte einfach folgende Fragen beantwortet haben: Was ist der Lehrplan? Was sind die konkreten Bildungsziele? Und vor allem welche KI wird man nutzen? Die Gratisversion von ChatGTP wird‘s wohl nicht sein, vor allem, weil diese demnächst mit Werbung zugekleistert sein wird, was das Hantieren damit unmöglich machen wird. Oder bekommen die Schüler*innen alle die Pro-Version, die kostenpflichtig ist und wahrscheinlich immer mehr kosten wird, bis man sie für 200€ pro Person pro Monat nehmen muss. Wo soll das Geld herkommen? Wenn nicht einmal der Beamer in der Schule funktioniert?

Das ist meine Kränkung. Es ist diese Respektlosigkeit gegenüber meiner Tätigkeit als Lehrer. Es gibt kein Konzept, keinen genauen Plan, niemanden, der einen klaren Plan vorlegen kann. Es gibt nichts vorzuweisen, wodurch mein Unterricht ersetzt wird. Nur einen Namen, aber keinen Inhalt. Bedeutet: Mein Unterricht ist schlechter als nichts. Er ist es wert, durch nichts ersetzt zu werden, und das, was ich gerne tue, was ich gerne weitergebe, wo ich meine Bestimmung sehe, ist weniger wert als nichts. Ich stehe für etwas, das man in die Tonne werfen kann, ohne es begründen zu müssen.

Mit 3,5 Jahren Unterrichtserfahrung kann ich sagen, dass ich weiß, dass ich für mein Leben gerne unterrichte, was ich für richtig und wichtig halte. Und auch meine Schüler*innen haben mir das oft gezeigt, dass sie mich dafür schätzen. Doch ich bin es leid. Ich bin es leid mich immer rechtfertigen zu müssen, leid mich immer erklären zu müssen: „Warum unterrichtest du so einen Scheiß?“, „Warum habt ihr so viel Ferien?“ „Warum verdient ihr für nix tun so viel?“.

a man holds his head while sitting on a sofa

Ich arbeite mit allem zusammen 50 Stunden die Woche und kann mir gerade mal einen Urlaub leisten, für den ich nur zur Saison Zeit hab. Ich mach mir Sorgen um meine Zukunft, ob ich mir alles leisten kann, wie jeder andere Mensch. Und dazu darf ich mir von meinem Chef sagen lassen, dass meine Arbeit nix wert ist, ohne klar zu sagen, was besser wäre. Das ist die Kränkung.

Simon Linke, MEd (BG-BRG Bruck an der Leitha)